Verunglückte Kadettin : Körperlich ungeeignet für die Gorch Fock?

Die Kadettin, die aus der Takelage der Gorch Fock in den Tod stürzte, war zu dick - behauptet die Bundeswehr. Der Anwalt der Mutter widerspricht.

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Berlin - Der Tod der Seekadettin Sarah Lena S. an Bord der Gorch Fock war ein Unfall, der vielleicht hätte vermieden werden können. Die 25-Jährige war nicht, wie zeitweise behauptet worden war, mit ihren 1,58 Metern zu klein für das Aufentern in die Takelage des Segelschulschiffs. Sie war aber möglicherweise übergewichtig und deshalb eventuell „nicht borddienstfähig“. Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus berichtete am Dienstag in Berlin, dass die Offiziersanwärterin wohl vor der Versetzung auf den Dreimaster zugenommen habe. „Das hat offenbar niemand bemerkt“, sagte Königshaus. Mit dem Sachverhalt beschäftigt sich die Staatsanwaltschaft Kiel. Der Anwalt der Mutter widersprach aber Berichten, die junge Frau habe 83 Kilo gewogen – es seien nur 60 Kilo gewesen, also Normalgewicht.

Königshaus hat zwei Mitarbeiter mit der offiziellen Bundeswehr-Untersuchungskommission an Bord des Segelschulschiffs geschickt. Die Befragung der Stammcrew habe bestätigt, dass „offenkundig ein Teil der Besatzung“ nach dem Todessturz der jungen Kadettin aus der Takelage „nicht zur Routine zurückkehren wollte“, sagt der Wehrbeauftragte. Bestätigt habe sich auch, dass einige Offiziersanwärter „formal“ mit dem Vorwurf konfrontiert worden seien, gegen die Schiffsführung zu arbeiten.

Zugleich betont Königshaus, dass die Befragung der Stammbesatzung ein differenzierteres Bild ergeben habe, als es sich in seinen ersten, notgedrungen nur auf Aussagen der nach Deutschland zurückgeholten Offiziersanwärter gestützten Berichten an das Verteidigungsministerium und den Verteidigungsausschuss gezeigt habe. So berichtete die Stammcrew, dass gerade der dritte Ausbildungstörn, zu dem die Kadettin S. gehörte, schon mit einer „voreingenommenen Haltung“ an Bord gegangen sei – offenbar hatte sich unter den Offiziersanwärtern der Eindruck verbreitet, auf sie warte eine Art Galeere. Diese „Befürchtungshaltung“ habe es nach Aussage der Ausbilder bei vielen Törns gegeben, doch sei es fast durchweg gelungen, diese Stimmung im Laufe der Ausbildung zu wenden.

So weit kam es beim dritten Törn gar nicht; die Kadettin starb am ersten Tag an Bord, der gesamte Ausbildungstörn wurde von der Marineführung heimgeholt, als erste Beschwerden von Offiziersanwärtern bei Königshaus eintrafen. Der vermutet jetzt, dass das negative Voraburteil mit zu der „Verhärtung“ zwischen Ausbildern und Kadetten beigetragen hat, die bis zum Meutereivorwurf der Schiffsführung gegen mehrere Kadetten führte.

Wer für Probleme verantwortlich war, will Königshaus nicht bewerten: Sein Amt sei „kein Untersuchungsorgan“, und er sei genau so für Ausbilder und Schiffsführung wie für die Offiziersanwärter da. Zuständig sieht er sich aber dafür, unter welchen Bedingungen auf dem Großsegler künftig weiter ausgebildet werden kann. „Ich habe nichts dagegen, dass die Marine weiter ein Segelschulschiff betreibt“, sagt der FDP-Politiker. „Aber wenn man das macht, muss man vermeidbare Risiken vermeiden.“ Dass Matrosen hoch im Mast an kritischen Stellen nicht gesichert sind, dass Befehle mit nostalgischen „Flüstertüten“ statt per Funk-Headset übermittelt werden und dass es nachts in der Takelage finster ist, sieht er nicht ein: „Im 21. Jahrhundert sollte man da eine Lampe anbringen können.“

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