Politik : Viel Foulspiel

Von Armin Lehmann

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Der Wettskandal hat gigantische Ausmaße angenommen. Alles soll noch viel schlimmer sein als 1971, beim letzten Skandal, der den deutschen Fußball erschüttert hat. Die großen FußballNationen lachen über uns und sehen schon die WM 2006 in Gefahr. Wahrscheinlich ist sogar die Bundesliga korrupt, ja der gesamte deutsche Fußball! Erfahren wir nicht seit zwei Wochen jeden Tag mehr Details, die diese Schlüsse zulassen? Oder dienen die vielen Informationen, die in die Öffentlichkeit dringen, nicht auch dazu, Verwirrung zu stiften. Sie lenken ab vom bisher einzigen wirklich Tatverdächtigen: Schiedsrichter Robert Hoyzer. Gilt für alle anderen, oft wahllos Beschuldigten aus dem Fußballbereich in diesem Land nicht mehr die Unschuldsvermutung?

Nach 14 Tagen ist es notwendig, sich zu fragen: Was wissen wir von wem?

Sich zu vergewissern, dass alle öffentlichen Anschuldigungen bisher nur aus dem Mund von Robert Hoyzer stammen, heißt nicht zu verniedlichen, was da noch kommen könnte. Es ist zu diesem Zeitpunkt nicht auszuschließen, dass auch andere Schiedsrichter und Spieler manipuliert haben. Nur Beweise und weitere, glaubwürdigere Zeugen als Hoyzer gibt es dafür derzeit nicht. Stattdessen erleben wir die öffentliche Demontage von Menschen. Der Schiedsrichter Jürgen Jansen, ebenfalls von Hoyzer bezichtigt, hat erzählt, wie sein Leben aus den Fugen zu geraten droht, dass seine Kinder bespuckt wurden. Ist es vorstellbar, dass Jansen seine Unschuldsbeteuerungen nur inszeniert? Im Moment ist seine Situation jedenfalls erschütternd und ein Beleg für die allgemeine Hysterie.

Noch ist es nicht an der Zeit, abschließend zu urteilen, was geschehen ist. Aber wenn man sich die bisherigen Fakten anschaut, kann man zu dem Schluss kommen: Von 1971 sind wir noch sehr, sehr weit entfernt. Die Bundesliga ist nicht korrupt, und der deutsche Fußball steht nicht unter Generalverdacht. Denn bisher ist nur bekannt, dass zwei Spieler von Amateurvereinen Geld von Unbekannten annahmen – als Vorausprämie für einen möglichen Sieg.

1971 war die ganze Bundesliga im Innersten verdorben. Ganze Vereine arbeiteten zusammen, Stürmer schossen mit Absicht am Tor vorbei, Verteidiger ließen ihre Gegner laufen, alles, um ein vorher feststehendes Ergebnis zu sichern. Die Glaubwürdigkeit des Fußballs war deshalb so erschüttert, weil die Helden der Fans manipulierten. Das Vertrauen war weg, die Leidenschaft für den eigenen Klub diskreditiert. Es machte keinen Spaß, keinen Sinn mehr, ins Stadion zu gehen. Genau deshalb haftete dem gesamten Fußball dieser Makel so lange an.

Heute gibt es nur eine gesicherte Erkenntnis. Hoyzer hat vier Spiele manipuliert. Die Fans aber strömen trotzdem in die Stadien und können fein differenzieren. Der so genannte Fußball-Mob hat sich aufgeschlossen gezeigt, auf der Höhe der Diskussion. Die Schiedsrichter wurden in Ruhe gelassen, man ärgerte sich lieber über die eigene Mannschaft oder jubelte ihr zu. Die Manipulation eines Schiedsrichters wird – noch – als Eingriff von außen gewertet. Der Schiedsrichter gehört zwar zum Spiel, aber er ist zugleich ein Ungeliebter. Die Liebe zum eigenen Klub, die Leidenschaft für Fußball berührt das nicht. Sollte aber die Unschuldsvermutung gegen die Mehrzahl der Verdächtigen nicht zutreffen, wird der Zuschauer wissen, wie er zu reagieren hat.

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