Politik : …viele in Urlaub fahren

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In vielen deutschen Haushalten findet heute der hektischste Tag des Jahres statt. In vielen deutschen Büros hat gestern der hektischste Tag des Jahres stattgefunden. Es geht in Urlaub.

Vor dem Urlaub müssen im Büro tausend Dinge geregelt werden. Der Schreibtisch muss sauber sein, nichts darf liegen bleiben. Man arbeitet vor. Kurz vorm Urlaub sind die Arbeitstage bei den meisten Leuten länger als üblich.Ehrlich, manche Leute arbeiten von 9 bis 19 Uhr! Oder länger! Tagelang!

In der Schule ist es irgendwie anders. In den zwei Wochen vor den Sommerferien ist in der Schule unseres Sohnes nicht mehr viel passiert. Der Unterricht fing eigentlich nie in der ersten Stunde an, meistens in der zweiten oder dritten, dafür kam das Kind früher nach Hause, denn die sechste fiel aus. Arbeiten wurden nicht mehr geschrieben, Hausaufgaben gab es kaum noch, statt dessen Wandertag sowie andere Tage, die wegen Konferenzen ausfielen. Mündliches Abi: zwei Tage kein Unterricht. AbiScherz: ein halber Tag. In unserem Bekanntenkreis erzählten alle Eltern das Gleiche. Vor den Ferien trudelt die Schule in Berlin langsam aus. Wir alle haben die Lehrer um ihren Job beneidet und waren auch ein bisschen wütend, denn Schulzeit ist eigentlich wertvoll und die Schule nicht zum Austrudeln da.

Eine Sache, die keiner versteht: wegen Konferenzen fallen Schultage aus. In vielen Betrieben gibt es Konferenzen, trotzdem muss die übliche Arbeit gemacht werden. Stellen Sie sich vor, die Zeitung würde nicht erscheinen, mit der Begründung, dass es gestern eine lange Themenkonferenz gegeben hat! So etwas geht eben nur in der Schule. Die ausgefallenen Stunden werden außerdem fast nie nachgeholt – auch das ein Privileg der Schule. Stellen Sie sich vor, ein Handwerker ruft an und sagt: „Ich kann die Waschmaschine heute nicht reparieren, ich bin krank. Für mich ist der Fall damit erledigt. Ihre Waschmaschine muss unrepariert bleiben.“ Unterricht ist in Berlin unwichtig. Beweis: wenn er ausfällt, muss er nicht nachgeholt werden. Am besten ist die Sache mit dem Abi-Scherz. Kein Unterricht wegen Abi-Scherz! Das müsste mal der Bäcker machen: keine Brötchen, weil sich Auszubildende einen Scherz erlaubt haben.

Heute fahren viele müde in Urlaub. Sie haben bis zur letzten Sekunde ihren Job erledigt. Dass sie noch einen Job haben, verdanken sie der Tatsache, dass sie in der Schule was gelernt haben. Früher.mrt

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