Vier Fragen an Josef Joffe : Jedem Völkchen sein Staatchen

Josef Joffe über die Unabhängigkeit des Kosovo, einen Präventivschlag gegen Iran und Germany-Bashing.

Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit".
Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit".Foto: promo

Das Kosovo durfte sich von Serbien abspalten, sagt der Internationale Gerichtshof in Den Haag. Es gibt weltweit über 1000 Ethnien. Dürfen sich die jetzt alle für unabhängig erklären?

Na klar. Jedem Multi sein Kulti, jedem Völkchen sein Staatchen. Das ist im Trend. Als die UN 1945 gegründet wurden, hatten sie 50 Mitglieder, heute sind es 193. Der Nationalstaat hat also eine gute Konjunktur. Die Richter waren allerdings schlau. Sie haben nur gesagt, das Völkerrecht kenne kein „Verbot von Unabhängigkeitserklärungen“, mithin hätten die Kosovaren nicht „illegal“ gehandelt. Aber sie haben es vermieden, die Rechtmäßigkeit dieses Staates abzusegnen. Jetzt kommt auf sie eine Menge Arbeit zu: Nord-Zypern, Berg-Karabach, Süd-Ossetien, Abchasien, Transnistrien, Baskenland … Wie das Gericht die Lebensfähigkeit des Kosovo garantieren will, hat es auch nicht gesagt.

Der britische Vizepremier Clegg erklärt den Irakkrieg für „illegal“. War das dumm oder wahr oder beides?

„Wahr?“ Das Völkerrecht kennt nur das Verbot der „unprovozierten Aggression“. Saddam hatte aber reichlich provoziert, indem er eine UN-Sicherheitsratsresolution nach der anderen missachtet hatte. „Dumm?“ Vor allem für die Koalition, weil der Liberaldemokrat Clegg zudem eine Sollbruchstelle eingebaut hat. Premier Cameron will keine Frist für den Afghanistanabzug setzen; Clegg donnert: keine Truppen mehr nach 2015. Anderseits reden Liberale häufig lauter, als sie handeln. Siehe unsere FDP, die nunmehr zu Steuersenkungen schweigt.

Der Iran rüstet die Hisbollah im Libanon massiv auf, in Israel befürworten zwei Drittel einen Präventivschlag gegen Iran. Droht der Region ein ganz heißer Herbst?

So verdichten sich die Gerüchte – genauso wie im vergangenen Sommer. Das ist Teil der Psycho-Kriegsführung. Im kalten Licht strategischer Realitäten betrachtet, gilt noch immer: Israel will, aber kann nicht; Amerika kann, aber will nicht – auch schon unter G. W. Bush. Oder auf Bayerisch (Karl Valentin): „Mögen hätt’ i schon wolln, aber derfen hob i mi net getraut.“ Es bleiben die beiden „S“: verschärfte Sanktionen und Sabotage.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Zum Sommerloch gehört neben Nessie auch das gelegentliche Germany-Bashing, wie zuletzt in der „Herald Tribune“. Unter dem Titel „Berlin böllert und isoliert sich“ wähnt der Kolumnist, Merkel hätte mit ihrer Sparpolitik die Rest-EU gegen sich aufgebracht. Tatsächlich sparen Briten und Franzosen jetzt noch heftiger als die Germanen. Dito die Griechen. Aber er schöpft Trost aus der WM, den Espagna-Coach zitierend: Die Deutschen „waren nicht so stark, wie wir befürchtet hatten“. Also: Lieb’ Euroland, magst ruhig sein. Und die Ferien genießen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos

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