Vier Fragen an Josef Joffe : Spione bedauern und auf Cuba libre hoffen

"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe über Spione im Internetzeitalter, die Situation in Kuba und den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy.

Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit".
Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit".Foto: promo

Russland und die USA tauschen im großen Stil Agenten aus. Wozu braucht man überhaupt Spione im Internetzeitalter?

Auch vor diesem Austausch konnte man für den wohlfeilen Preis eines Abos westliche Fachzeitschriften wie „Aviation Week & Space Technology“ (US) oder „Jane’s“ (UK) lesen, die einem den halben Geheimdienst ersparten. Satelliten und Abhörstationen gab’s auch schon vor Google. Aber egal, wie fein die digitalen Instrumente: Auf die Humint („human intelligence“, Spione aus Fleisch und Blut) kann man nicht verzichten. Ein Algorithmus verführt keine Sekretärin. Doch die US-Russen waren wirklich unnütz, weil sie nix ausspionierten; wahrscheinlich waren sie einfach vergessen worden. Sie tun WmdW leid, weil sie zur Strafe jetzt in Russland leben müssen.

Kuba lässt politische Häftlinge frei. Geht der Kommunismus auf der Insel seinem Ende entgegen?

Das wähnen wir schon seit jenen Zeiten, als Castro noch Cohibas rauchte. Aber wer hätte gedacht, dass sechs Jahre nach Gorbatschows Machtantritt die Sowjetunion nicht mehr sein würde, dass die DDR über Nacht in sich zusammenfallen würde wie ein Trabi nach einem kräftigen Regen? Das Castro-System ist ein charismatisches; sein Bruder Raul packt’s auf Dauer nicht. Auf den letzten Sowjet-Charismatiker Chruschtschow folgte wenigstens noch eine Bärenfigur wie Breschnew; danach kamen bloß noch die Apparatschiks wie die zu Recht vergessenen KP-Chefs Tschernenko und Andropow. Heben die USA das Embargo auf, ist Cuba libre.

Affären, Prunk, Selbstherrlichkeit: Was unterscheidet Nicolas Sarkozy noch von Silvio Berlusconi?

Dass Sarkozy vor 2012 nicht abgewählt werden kann; ein Koalitionsbruch in Italien könnte aber schon in diesem Herbst eintreten. Ansonsten sind die Ähnlichkeiten frappierend. Sie sind beide klein und haben es mit den Mädchen. Der Franzose kontrolliert die Staatsmedien, der Italiener die privaten, die ihm gehören. Der eine sagt: „L’état, c’est moi“, der andere: „Il governo sono io“, was in beiden Fällen auf Berlinerisch heißt: „Mir kann keener.“ Und im Blick auf Merkel darf man reimen: „Fallen mir die anderen ein, bin ich froh, in D zu sein.“

Ein Wort zum deutschen Außenminister ...

Guido W. verkündet den Anfang des Abzugs aus Afghanistan fürs nächste Jahr (wie es auch Obama getan hat). Die Taliban freuen sich. Sie müssen nur abwarten, und inzwischen setzen immer mehr unserer afghanischen Verbündeten ihre Wetten auf die alten Peiniger, statt im Namen der Selbstverantwortung eine eigene Armee aufzubauen. Das ist wie ein Boxtrainer, der in der dritten Runde verkündet, dass er in der fünften das Handtuch wirft. Genauso gut könnte er gleich einpacken.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal

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