Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe macht sich Gedanken über Erdogan, Cameron, Tsipras - und die Flüchtlinge in Calais.

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Josef Joffe, Herausgeber der "Zeit".
Josef Joffe, Herausgeber der "Zeit".Foto: privat

Erdogan gegen die PKK: Kann er diesen Konflikt gewinnen?

So, wie Ankara den Kampf seit vierzig Jahren „gewinnt“, nämlich gar nicht. Auch nicht, seitdem ihr Führer Abdullah Öcalan vor zehn Jahren im Gefängnis gelandet ist. Den Friedensprozess, den der Ende 2012 (im Knast) begonnen hatte, hat Erdogan gerade für beendet erklärt – was ihm nicht die Freundschaft der Kurden im eigenen Land (etwa 20 Prozent) eintragen wird. Dass er nun im Schutz der Waffenbruderschaft mit den USA kurdische Positionen in Syrien und im Nordirak bombardiert, wird den Friedenswillen schon gar nicht stärken. Dass Obama seine kurdischen Freunde für die Nutzung des Stützpunkts Incirlik verraten hat, ist ein schwerer Fehler, der Amerikas Standing in Nahost weiter schwächen wird.

Cameron gegen Europa: Warum will der britische Premier das Referendum über einen EU-Austritt schon 2016?

Weil die Zahlen ihm gnädig sind. Nur 24 Prozent würden für den Austritt votieren. Fast zwei Drittel bekunden, dass sie die Risiken des „Brexit“ fürchten. Die Lust am Austritt wächst jedoch mit der Art der Frage, etwa, wenn Cameron behaupten könne, er habe gut verhandelt und Englands Interessen gesichert. Dann würden zwei Drittel für den Verbleib votieren. EU-Konzessionen würden also helfen. Inzwischen will auch Schäuble weniger Macht für Brüssel.

Tsipras gegen die Linken: Warum ist der Griechn-Premier noch immer so beliebt?

Das ist wie die Geschichte vom Rabbi, der dem armen Schlucker, der die mit seiner Großfamilie die quälende Enge seiner Hütte nicht mehr ertragen kann, rät, den stinkenden Ziegenbock dazu zu holen. Grauenhaft. Eine Woche später darf er den Bock wieder im Stall einsperren. „Danke, lieber Rabbi“, jubelt er; „jetzt leben wir wie im Paradies.“ Alles ist relativ, so auch, nachdem Tsipras den Varoufakis verbannt hat. Gegenüber dem Ex-Finanzminister wirkt Tsipras wie ein weiser, verantwortungsbewusster Staatsmann, der plötzlich von Euro-Land respektiert wird. Außerdem gibt es ein drittes Hilfspaket von 86 Milliarden Euro. Rückzahlung erst viel später.

Ein sicher nicht letztes Wort zu Calais ...

Etwa 150 000 Menschen haben im ersten Halbjahr Mittelmeer und Balkan überquert. Eine Völkerwanderung ist das nicht im Vergleich zu den vier Millionen, die allein vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen sind. Je größer das Chaos, siehe Calais, desto mehr wachsen Angst und Ressentiment. Herrscht aber ein ordentlicher Prozess, wächst die Aufnahmebereitschaft der Europäer. Folglich muss die EU schleunigst lernen, die Flut zu kanalisieren und Flüchtlinge zu retten, die lieber den Tod auf den Schienen riskieren als daheim zu sterben. Selbst ein Inselland wie England kann sich nicht mehr abschotten.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: as

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