Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Merkel die nächsten zwei Bundestagswahlen gewinnen sehen, Chinas Krise als Krise Deutschlands begreifen und zugucken, wie Apple und McDonalds Kuba unterwandern.

Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit".
Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit".Foto: promo

Syriza und CDU sind gespalten. Wer hat das größere Problem, Merkel oder Tsipras?
Syriza? Tsipras kann auf die Opposition zählen. Die Union mosert, aber wird keine Revolte gegen Merkel anzetteln, die sie 2017 wieder zum Sieg führen wird, und 2021 auch. (Dann wird sie immer noch vier Jahre jünger sein als Hillary Clinton im Wahljahr ’16.) Grundsätzlich: Wie hätte sich Griechenland diesem Rettungspaket verweigern können, wenn es schon zwei gekriegt hat? Ökonomisch gesprochen, sollten wir uns jetzt größeren Dingen zuwenden, zum Beispiel dem Niedergang der chinesischen Wirtschaft und dem lahmen Wachstum der deutschen. Europa hat sich schon viel zu lange mit Athen beschäftigt. Athen ist der Sozialfall Europas und wird noch sehr lange Stütze kriegen.
Ist Chinas Krise Deutschlands Krise?
Wenn man bedenkt, dass der Dax in einem Monat um sieben Prozentpunkte gefallen ist, dann ist es auch eine deutsche Krise. Hauptsächlich aber ist es ein Problem deutscher Firmen, die besonders viel nach China verkaufen. BMW holt knapp 20 Prozent seines Umsatzes auf dem chinesischen Markt; die Aktien haben vier Punkte verloren. Daimler ist mit zehn Prozent nicht so abhängig. Zurzeit spüren es die Luxusgüter am meisten: Schweizer Uhren, französische Weine und hochpreisige Mode, italienische Renommierautos, amerikanische Elektronik wie Apple. Ans Eingemachte geht es längerfristig, falls der Renminbi weiter fällt. Dann sind auch deutsche Investitionsgüter in der Schusslinie.
Erdogan will Neuwahlen: Wird er dann kriegen, was er will?
Das wäre die absolute Mehrheit, und die Zeit drängt, weil sein Unterling Davutoglu keine Regierung zusammenbringt. Das kommt Erdogan gut zupass, weil er dann Neuwahlen ausrufen kann. WmdW sagt weder Wahlen noch Wetter voraus, aber Erdogans Strategie ist eine altbekannte. Er führt einen Dreifrontenkrieg: gegen die eigenen Kurden, deren Milizen in Syrien und (nicht so klar) den „Islamischen Staat“. Zu Hause wächst der Terror. Was liegt näher, als sich als der Retter der Nation aufzuspielen, der die Konflikte erstickt, die er selber angezettelt hat. Ein durchsichtiger Spielzug, aber die Türken wissen, dass E. das Land in eine Art Präsidialdiktatur umwandeln will. Kein anheimelndes Programm.

Ein Wort zu Kuba…
Am Freitag hat John Kerry die Stars and Stripes über der neu eröffneten US-Botschaft hissen lassen – nach 54 Jahren. (Dissidenten waren nicht geladen.) Progressive Menschen werden eine Träne vergießen. Den real existierenden Sozialismus wird es bald nur in Nordkorea sowie Venezuela und Ecuador geben – nix zum Vorzeigen. Der US-Kapitalismus wird nun Kuba mit Fast Food, Levi’s, Hollywood und Apple unterwandern. Traurig, aber sicher.
Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos

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