Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Die Ereignisse abwarten, Trump links liegen lassen, Gauck die Daumen für China drücken und Seehofers Sprüche nicht auf die Goldwaage legen.

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Josef Joffe.
Josef Joffe.Foto: Tsp

Angela Merkel nach den Landtagswahlen und dem EU-Gipfel: Wie stark ist die Kanzlerin noch?

Das Geraune über die Merkel-Dämmerung bestätigt abermals den Spruch, den WmdW dem großen K. Marx zuschreibt: „Die bürgerliche Presse kann die Ereignisse nicht abwarten.“ Denn: Obwohl sechs von zehn Deutschen Merkels Flüchtlingspolitik nicht mögen, schätzen 54 Prozent die Kanzlerin. Das sind 20 Punkte mehr, als die Union derzeit kriegt. Was gibt es Schöneres für die Chefin, als die Popularität ihrer Partei so zu übertreffen? Die spannt die CDU/CSU so schnell nicht vom Wagen, erst recht nicht, wenn die Türken den Flüchtlingsstrom zurückstauen. Sorgen müssen wir uns um die einstige Volkspartei SPD machen, die in zwei LT-Wahlen elf und 13 Prozent geholt hat. Sie hatte mal 46 Prozent (1972), in der letzten BT- Wahl genau die Hälfte.

Was lehrt uns der Erfolg von Donald Trump über die Amerikaner?

So viel wie der Raketenstart der AfD über die Deutschen. Die hat in Sachsen-Anhalt, engl. „Saxony-Stop“, 24 Prozent kassiert. Trump holte in den Primaries um die 35 Prozent bei einer Hälfte des Wahlvolks. Er würde sogar gegenüber dem Linksausleger Bernie Sanders um zehn Punkte unterliegen. Hieße das, Amerika ist ein sozialistisches Land? Aber aufgepasst: Sanders verkörpert ein ähnliches Protestpotenzial gegen „die da oben“ und die „Mainstream-Medien“ wie Trump. In der ganzen westlichen Welt erleben wir eine Revolte gegen Eliten, Einwanderung und Globalisierung

Bundespräsident Gauck reist zum ersten Mal nach China: Warum so spät?

Erstens ist China ziemlich weit weg. Zweitens sind da so viele Leute, nämlich 16 Mal mehr als daheim; wie viele Hände kann er da schütteln? Drittens muss der Präsident einen gefährlichen Drahtseilakt bewältigen. Er darf die Führung der zweitgrößten Wirtschaft nicht desavouieren, aber auch nicht die wachsenden Menschenrechtsbrüche ignorieren. Schon gar nicht heute, wo Xi Jinping auf Unterdrückung gesetzt hat. Aber Gauck kann mit Recht von sich sagen: „Wir schaffen das!“

Ein letztes Wort zur CDU/CSU...

Der Beute-Bayer WmdW, der drei Trachtenjacken besitzt, ist nicht glücklich über die Verachtung, die progressive Nordlichter seinem Häuptling entgegenbringen. Schließlich hat Seehofer, wie vor ihm Strauß, den höchsten Unterhaltungswert auf der gesamtdeutschen Bühne. Von den ersten Plätzen, die BY in Wirtschaft, Bildung und Hochkultur belegt, ganz zu schweigen. Man darf die Sprüche der Bajuwaren nicht auf die Goldwaage legen. Dass die Christsozialen sich bundesweit ausdehnen, wie Seehofer munkelt, ist bloß Bierkrug-Rasseln. „Mir san mir“ funktioniert nicht in Wanne-Eickel, Prenzlberg oder Plön.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal.

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