Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Jeden Montag beantwortet "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe vier Fragen zur Außenpolitik. Heute über Israel, den Zweiten Weltkrieg, Ted Kennedy und den deutschen Wahlkampf.

Joffe
"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.Foto: promo

Angela Merkel fordert von Benjamin Netanjahu einen Siedlungsstopp, Netanjahu fordert von Merkel Sanktionen gegen den Iran. Wem fällt es leichter, die Forderung des anderen zu erfüllen?



Weder dem einen noch der anderen. Selbst wenn er es wollte (will er?), kann Netanjahu nicht den Stopp durchsetzen, bei dem es im ersten Schritt darum geht, die Siedlungen nicht auszudehnen. Wie soll er einer Siedlerfamilie sagen, sie dürfe für ihr drittes Kind kein neues Zimmer anbauen – also entweder Verhütung oder Wegzug? Die Siedler sind seine Wähler. Merkel kann scharfe Sanktionen nur versprechen, wenn alle anderen Staaten sich beteiligen, vor allem China und Russland, die bislang Sanktionen aufgeweicht haben. „WmdW“ fürchtet, dass der Ausbaustopp von den realen Problemen ablenkt. Auf Seiten Israels: Blockaden abbauen, Wachstum fördern, die Zerschneidung der Westbank durch „Sicherheitsstraßen“ mildern. Die Palästinenser: Abbas und Co. müssen funktionierende Institutionen aufbauen und ihre Extremisten dazu bringen, zwei Staaten zu akzeptieren. Hamas denkt nicht daran.

Am morgigen Dienstag jährt sich der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal. Wie weit prägt er noch immer die Politik der Gegenwart?

Wo anfangen? WK II war das gewaltigste Ereignis der Weltgeschichte. Er hat 55 Millionen Tote gefordert, Völker und Grenzen verschoben, Seele und Gedächtnis von Abermillionen geprägt, 40 Jahre lang zur Unterjochung des halben Europas geführt, in der Folge Imperien (England, Frankreich) zerstört, den Aufstieg Amerikas und (kürzer) Sowjetrusslands befördert. Hier zu Hause hat er aus Eroberern Pazifisten gemacht, wie auch in Japan. Europa, einst das Zentrum der Welt, ist etwas an den Rand gerückt. Man darf aber auch sagen, dass dieser Krieg auf den Trümmern Europas hoch stabile Demokratien hat sprießen lassen, die zu einer unglaublichen Friedenszone zusammengewachsen sind. Europa war noch nie so glücklich wie heute.

Ted, der letzte der Kennedy-Brüder, ist tot. Kann der „schwarze Kennedy“ – US-Präsident Barack Obama – den Mythos fortsetzen?

Welchen Mythos? Bei Licht betrachtet, ist dieser Mythos durch Tod und Tragödie entstanden (Bruder Joseph gefallen, John ermordet, Robert ermordet, Ted als Präsidentschaftsanwärter erledigt durch seine Mitschuld am Tod der Mary Jo Kopechne auf der Brücke von Chappaquiddick). Dieser Mythos erinnert an Oedipus Rex, nicht an König Arthur. Und den wollen wir keinesfalls Barack Obama wünschen. Er möge bitteschön ganz langweilig und mythenlos seine herkulaneische Arbeit bewältigen.

Ein Wort zum deutschen Wahlkampf ...

„WmdW“ rät der Kanzlerin, fürderhin nur Wasser und eine Tasse Kaffee (vielleicht auch Besteck) zum Essen zu spendieren. Die geschätzten Gäste mögen, diskret verpackt, ihre eigenen Döner, Pizzas oder kalten Schnitzel mitbringen. Erwägenswert ist auch die Abwaschpflicht hinterher. Das dient der sozialen Gerechtigkeit und dem raschen Defizitabbau. Noch besser: Jeder zückt vorher seine Kreditkarte. Nicolas Sarkozy verschleudert Millionen für Gelage im Elysee, dito Silvio Berlusconi; das empfinden wir Deutsche als typisch welsche Großmannssucht.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: Moritz Schuller.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben