Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe über Terror in Europa, die Vorwürfe gegen Donald Trump und den Geburtstag der EU.

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Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit". Foto: Tsp
Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit".Foto: Tsp

Ein Anschlag in London, ein verhinderter in Belgien. Wird diese Art Auto-Terror in Europa normal?

Normal ist in der Terrortaktik gar nichts; sie ändert sich je nach Lage oder Art der Gegenwehr. Die PLO hat in den 70ern Feuerwaffen benutzt, die IRA Bomben, die japanische Aum-Sekte Sarin-Nervengas, Al Qaida Flugzeuge (New York), später Rucksackbomben (London, Madrid). Angesichts immer klügerer Antiterrortaktiken wich der Islamo-Terror auf Alltägliches aus: Messer und Fahrzeuge (Israel, Nizza, Berlin, Westminster). Und auf Einheimische wie zuletzt den Briten Adrian Russell, der zu Chalid Masud mutierte. Fazit: Die Abwehr muss sich immer stärker auf das eigene Land konzentrieren, die lokalen Rekrutierungs-Netzwerke aufspüren. Nach den Autos kommen… Aber hier keine Tipps für den IS.

Das FBI prüft angeblich Kontakte zwischen Trumps Wahlkampfteam und Russland. Heißt das: Do swidanja, Gospodin President?

Alle, die jetzt von der Amtsenthebung träumen, übersehen, dass der Präsident laut Verfassung des "Verrats, Bestechung oder anderer Verbrechen und Vergehen" im Amt überführt werden müsste. Was im Wahlkampf passiert sein soll, wäre nicht justiziabel. Aber nehmen wir an, es käme dennoch zur Anklage. Inwiefern wäre dann die Kungelei mit Moskau "Verrat"? Den definiert die Verfassung als "Kriegführung" gegen die USA oder "Unterstützung ihrer Feinde durch Hilfeleistung und Begünstigung". Krieg gegen sein Land hat Trump nicht geführt, die Russen hat er nicht begünstigt. Aus gutem Grund wurde Anklage nur zweimal erhoben. Eine Verurteilung kam nie zustande.

Der türkische Präsident Erdogan sagt, dass "kein Westler irgendwo auf der Welt“ mehr sicher sein könne. Trachtet er uns etwa nach dem Leben?

Orientalische Hassparole, die man niedriger hängen möge. Die unerträglichen Sprüche des Möchtegern-Sultans sollen vorweg das eigene Wahlvolk aufputschen, damit es ihm am 16. April diktatorische Vollmachten schenke. Entscheidend ist, dass Erdogan die Realität respektiert. Deshalb hat er alle Auftritte türkischer Politiker in D abgesagt – just, was Berlin wollte.

Ein Wort zu 60 Jahre EU…

"Wenn es die EU nicht gäbe, müsste man sie erfinden": Diese abgenudelte Leitartikel-Binse macht sich WmdW ein letztes Mal zu eigen. Dass die EU an ihrem 60. Geburtstag wie ein Pflegefall aussieht, ist richtig. Bloß stellen wir uns vor, sie zerfällt. Zollgrenzen überall. Reise- und Niederlassungsfreiheit perdu. Außerdem hätten wir keinen Prügelknaben mehr. Happy Birthday, Europa.

Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit". Die Fragen stellte Ariane Bemmer.

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