Politik : Villa La Collina: Adenauers zweites Bonn soll für 11,5 Millionen verkauft werden

Franz Schmider

Welch ein Blick hinüber auf die Landzunge, die sich wie ein Bootssteg in den See schiebt und an der Spitze den Ort Bellagio wie auf einem Tablett präsentiert! Das warme Abendlicht lässt die Ockertöne der alten Villen zwischen dem üppigen Grün noch einmal richtig strahlen, die hügelige Silhouette spiegelt sich auf der glatten Oberfläche des Wassers. Vom Fuß des Monte Croccione im Rücken ist der unbekümmerte Gesang eines Bauern zu hören, der seine mit Werkzeugen beladene Schubkarre nach Hause schiebt. Oben, am Gipfel des 1800 Meter hohen Berges, haben sich einige dunkle Wolken verfangen.

"Der Alte" wusste schon, weshalb er immer wieder hierher kam. Sein Außenminister Heinrich von Brentano hatte Adenauer den Comer See schmackhaft gemacht, die Familie Brentano stammt von hier. 1957 war der damalige Bundeskanzler erstmals in Bellagio, dann kam er immer wieder, oft für Wochen. Zumal nachdem die Bundesregierung für ihn die "Villa La Collina", die Villa Hügel, in Cadenabbia gemietet hatte. Ein Karikaturist verlegte den kleinen Ort am Nordufer des Comer Sees kurzerhand in den Regierungsbezirk Bonn.

"Cadenabbia", hat die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann erst dieser Tage ins Gästebuch der Villa La Collina geschrieben, "ist das schönste Denkmal für Adenauer auf der Welt." Zusammen mit der Grande Dame der Meinungsforschung aus Allensbach waren Demoskopen aus aller Welt zu ihrer Jahrestagung in Cadenabbia. "Please do not sell the villa La Collina" hat ein Teilnehmer der Tagung vermerkt. "Bitte verkaufen Sie die Villa La Collina nicht."

Genau das aber hat die Besitzerin der Villa, die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung, vor. Europaweit bietet sie die Immobilie samt dem 26 000 Quadratmeter großen Park an. 11,5 Millionen Mark für die aus dem vorigen Jahrhundert stammende Villa samt dem 1990 gebauten Tagungszentrum mit seinen 22 Zimmern, mit Konferenzraum und Restaurant. Bisher haben alle Interessenten abgewinkt. Auch Silvio Berlusconi, Medienzar aus Mailand und Vorsitzender der Forza Italia. Er verhandelte mit CDU-Größen und der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Doch es heißt, Berlusconi habe geplant, in Cadenabbia eine gemeinsam von seiner Forza Italia und der KAS geführte Bildungsstätte einzurichten. Das aber sei der CDU-Spitze zu viel der Nähe gewesen. Man hat hier schließlich ein Erbe zu bewahren.

Anfänglich, erzählte Adenauers langjährige Büroleiterin Anneliese Poppinga bei einem Besuch in Cadenabbia, mussten der Kanzler und seine vier Begleiter (Sekretärin, Koch, Fahrer, Sicherheitsbeamter) sich Betten aus dem nahe gelegenen Hotel "Britannia" in die unmöblierte Villa bringen lassen. Mitarbeiter des Bürgermeisters von Cadenabbia schleppten vor jedem Besuch des deutschen Kanzlers einen Schreibtisch in die Villa. Staatspräsidenten und Regierungschefs kamen und gingen, Kabinettsmitglieder, Berater und Parteifreunde. Wenn Adenauer in Cadenabbia war, war dort auch das Zentrum der Macht, die Schaltstelle deutscher Politik.

Im Frühjahr 1959, als der Kanzler sich schon entschieden hatte, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren, brachte Cadenabbia die Wende: In seinen Erinnerungen hat Adenauer festgehalten, wie in der Abgeschiedenheit des Comer Sees sein Entschluss reifte, Regierungschef zu bleiben.

Es ist ein Ort zum Denken, aber keiner zum Geld verdienen. Die Villa mit ihrer einladenden Terrasse, ihren Arkaden, ihrer Laube und dem Seeblick ist für Investoren uninteressant, weil sie in einer Landschaftsschutzzone liegt. Das heißt: Hier darf nichts mehr gebaut werden. Zudem hat das Anwesen eine ungünstige Größe: Mit 22 Zimmern in der Tagungsstätte und zwölf Zimmern ist es zu klein für einen großen Hotelbetrieb, der Aufwand für den Unterhalt - 16 Mitarbeiter für Park, Tagungs- und Hotelbetrieb - aber ist zu groß für eine kleine Pension. Eine Rendite lässt sich hier nicht erwirtschaften.

Das strebt die Adenauer-Stiftung, die das Haus 1978 von einem deutschen Bauunternehmer kaufte, auch gar nicht an. Ihr Problem: In den Bau der Tagungsstätte (fünf Millionen) und den Umbau der Villa flossen in der Kohl-Ära 8,3 Millionen Mark Steuermittel, zweckgebunden für eine Einrichtung der politischen Bildung. Doch als reine Bildungsstätte ließ sich die Villa La Collina nicht wirtschaftlich betreiben, 700 000 Mark Defizit pro Jahr waren der Stiftung zu viel. Inzwischen wird die Villa zwar kostendeckend betrieben - aber nur etwa ein Viertel der Einnahmen stammen aus dem Tagungsbetrieb. Die weitere Belegung sichern "Drittveranstaltungen anderer gemeinnütziger Organisationen" sowie "eher touristische Besuche", wie Lothar Kraft, Mitglied der Geschäftsführung der Adenauer-Stiftung in St. Augustin bestätigt: Seniorengruppen der Volkshochschule auf den Spuren Adenauers, Demoskopentagung oder Wirtschaftsforum - das bringt zwar Geld, aber es ist nicht das richtige Geld.

80 Prozent der Einnahmen, verlangt der Bundesrechnungshof, müssten aus dem Tagungsbetrieb stammen, sonst bedeutet es für den Bundesrechnungshof Missbrauch von Fördermitteln. Sollte die Adenauer-Stiftung den vorgeschriebenen Schlüssel nicht erreichen, müsse sie die acht Millionen zurückzahlen. In der derzeitigen Lage bliebe der Stiftung nur der Verkauf.

Cadenabbia sei "nicht irgendeine Bildungsstätte" sagt Kraft, "wir hängen an dem Haus, das ist ein Ort mir großer Bedeutung für uns". Kraft rechnet auch mit massiven Protesten gegen den Verkauf des Erbes, "das ist auch intern total umstritten". Andererseits muss die Stiftung trotz 200-Millionen-Haushalt sparen, die neue Zentrale in Berlin verschlingt ebenfalls viel Geld.

Die letzten treuen Freunde der Villa Collina, sagt Kraft, säßen in Baden-Württemberg. In Allensbach zum Beispiel. Elisabeth Noelle-Neumann will nun die Initiative ergreifen, will die Gästebücher durchsehen und einen Freundeskreis der Villa gründen. 200 Prominente aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik will sie ausfindig machen, die genügend Geld mitbringen, um das Haus zu kaufen und dann der Adenauer-Stiftung zu überlassen. Auch innerhalb der CDU-Landtagsfraktion gibt es einige, die sich in diesem Sinne engagieren wollen. Denn "der Verkauf der Villa La Collina", sagt der Lahrer Landtagsabgeordnete und langjährige Leiter der KAS-Bildungsstätte Freiburg, Helmut Rau, "wäre ein Versagen vor der Geschichte".

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