Politik : Visionär mit Rückgrat

Der Tod des SPD-Politikers Scheer hinterlässt eine große Lücke in der Politik nach 30 Jahren im Kampf für saubere Energien

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Hermann Scheer Foto: Thilo Rückeis
Hermann Scheer Foto: Thilo Rückeis

Berlin - Seine größte erneuerbare Ressource war der Mut. Der Energiepolitiker Hermann Scheer, seit 30 Jahren SPD-Abgeordneter im Bundestag, ist am Donnerstag überraschend an Herzversagen gestorben, und zahlreiche Politiker und Verbände beklagten die „große Lücke“, die sein Tod in der Politik hinterlasse.

Doch Scheer war mehr als der „engagierte Kämpfer“ und „kühne Visionär“, als den ihn seine langjährigen Widersacher Parteichef Sigmar Gabriel und Ex-Außenminister Frank-Walter Steinmeier würdigten. Scheer war ein Ausnahmepolitiker. Denn wie kaum ein anderer stellte er sein Engagement für die Sache über den Fortgang seiner Karriere. Gleich ob er sich gegen die Aufweichung des Asylrechts oder den Kosovokrieg wandte, ob er sich mit der CSU gegen die Stromkonzerne verbündete oder wie zuletzt in Stuttgart an die Seite der Protestbewegungen stellte: Vielfach riskierte er lieber den Konflikt mit seinen Parteioberen, als gegen die eigene Überzeugung zu stimmen. Das verhinderte seinen Aufstieg in höhere Ämter, und doch hat Scheer mehr erreicht als so mancher Minister.

Als er 1980 zum ersten Mal in den Bundestag gewählt wurde, sollte er eigentlich das Erbe von Egon Bahr antreten, dem Strategen der Entspannungspolitik aus der Ära Willy Brandts. Von ihm übernahm er den Vorsitz im Unterausschuss für Abrüstung, und sein Weg als Außenpolitiker schien vorgezeichnet. Doch Scheer trieb eine selbst gewählte Aufgabe: die Suche nach einer Energieversorgung auf Basis der Kraft aus der Sonne. Auf dieses Thema seines Lebens traf der promovierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler ausgerechnet im Kernforschungszentrum Karlsruhe, wo er bis zum Wechsel in die Politik arbeitete. Während sich landesweit die Antiatomkraftbewegung formierte, studierte Scheer das Werk des Chemikers und Nobelpreisträgers Friedrich Wilhelm Ostwald, der bereits 1909 gewarnt hatte, dass der wirtschaftliche Fortschritt sich auf das „unverhoffte Erbe in Form fossiler Brennmaterialien unter der Erde“ stütze. „Dauerndes Wirtschaften“ sei aber „ allein über die laufende Energiezufuhr der Sonne möglich“, schrieb Ostwald. Das wurde Scheers Leitidee, die ihn nicht mehr losließ.

Anfänglich für seine „Solarstrategie“ als „Spinner“ verlacht, gründete Scheer schon 1988 mit befreundeten Wissenschaftlern die Vereinigung „Eurosolar“, die alsbald zur Kaderschmiede für die aufkeimende Branche der erneuerbaren Energien wurde. Zwei Jahre später gelang dann der erste Durchbruch. Der CSU-Politiker und heutige Verkehrsminister Peter Ramsauer forderte damals die kostendeckende Bezahlung von Strom aus kleinen Wasserkraftwerken, und Scheer erkannte die Chance: Gemeinsam mit Unionspolitikern setzte er das „Stromeinspeisegesetz“ gegen die Regierung Kohl durch und schuf damit erstmals eine wirtschaftliche Grundlage für Strom aus sauberen Energiequellen. Auch beim Erneuerbare-Energien-Gesetz der rot-grünen Koalition im Jahr 2000 war es Scheer, der das Projekt in der SPD-Fraktion gegen den damaligen Wirtschaftsminister Werner Müller durchdrückte. Heute gilt es als der größte Erfolg von Rot-Grün.

All das brachte ihm zahllose Ehrungen ein, bis hin zu einer Ehrenprofessur in China. Doch zuletzt musste er zwei bittere Niederlagen hinnehmen. Über Jahre hatte er weltweit für die Einrichtung einer UN-Agentur für Erneuerbare Energien geworben. Doch als es 2009 in Bonn schließlich zu deren Gründung kam, übernahm auf Betreiben von Ex-Umweltminister Gabriel nicht er, sondern eine Technokratin aus dem Atomstaat Frankreich die Leitung. Im gleichen Jahr scheiterte auch sein Versuch, als Wirtschaftsminister in Hessen sein Konzept praktisch umzusetzen, weil die Partei seiner Alliierten Andrea Ypsilanti die Unterstützung verweigerte. Nun wird Scheer den Fortgang der von ihm angestoßenen Energierevolution nicht mehr erleben.

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