Politik : Vom Beil zur Quote

Hans Monath

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Manchmal holt einen die hohe Politik mitten im Urlaub ein. Etwa wenn man durch den Dogenpalast in Venedig wandelt, die Arbeiten der berühmtesten Renaissance-Architekten, -Stuckateure und -Maler vor Augen, einen allwissenden „Audio-Guide“ auf den Ohren. Zwischen Senatssaal, Waffenkammer und Seufzerbrücke geht einem da angesichts der Abfolge von Meisterwerken nicht nur das Herz über, man lernt auch viel über den Regenten der Republik: Der war in jedem Moment unter der Kontrolle von anderen Adligen der Stadt und durfte aus Angst vor Machtmissbrauch nicht mal allein den Palast verlassen. Ständig erfanden die Venezianer neue Gremien wie den „Großen Rat“ oder den „Rat der Zehn“ oder die „Inquisitori di stato“, um dem obersten Chef Paroli zu bieten. Wenn man dann darüber nachdenkt, warum einem dieses System der Machtbalance aus der deutschen Heimat so bekannt vorkommt, geht einem ein Licht auf: Der Mann war ja fast noch schlimmer dran als der Bundeskanzler! Der kann bekanntlich auch nicht einfach mal ’ne Currywurst am Gendarmenmarkt essen – und wenn er’s doch tut, steht’s am nächsten Tag in der Zeitung. Und einfach eine Entscheidung fällen ohne den Bundesgewerkschaftsarbeitgeberoppositionsrat kann der Regierungschef bekanntlich auch nicht. Wo bleibt da der Fortschritt? Vielleicht da: Von den vielen Dogen wurden tatsächlich zwei wegen Hochverrats hingerichtet. Der Kanzler aber muss nur die Zahlen von Manfred Güllner oder Renate Köcher fürchten. Und auch eine so schmerzhafte Auskunft wie „SPD immer noch um die 30 Prozent“ schneidet wohl nicht ganz so scharf in den Hals des Herrschers wie das Beil des Henkers von Venedig.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben