Politik : Vom Leben überholt Von Tissy Bruns

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Paul Kirchhof soll sich um die Steuern kümmern. Doch diese Personalie hat Nebenwirkungen, die erwünscht sind, und Risiken, die Angela Merkel unterschätzt: Der Name des ehemaligen Verfassungsrichters steht wie kaum ein anderer in Deutschland für das Thema Familie und für ein Verständnis dieses Begriffs, das in den christlichen Volksparteien tief verankert ist. Die Familie ist es, die Kultur, Werte, Gemeinsinn tradiert – wenn sie versagt, liefert sich die Gesellschaft der blanken Herrschaft der Ökonomie aus. Merkel hat sich mit Kirchhof den konservativen Geist geholt, der bei der jüngsten Modernisierung der Union unbemerkt auf der Strecke geblieben ist. So weit zur erwünschten Nebenwirkung.

Doch es ist weder ein Zufall, dass die Union ihre alte Hegemonie über den Familienbegriff verloren hat, noch ist die Kombination aus Ursula von der Leyen und Kirchhof geeignet, sie wiederherzustellen. Heiner Geißler und den CDUModernisierern der 80er Jahre ist es noch einmal gelungen, Familie als Keimzelle der Gesellschaft auch für die Generationen zu denken, die mitten im Umbruch der Geschlechterbeziehungen Kinder bekommen und erzogen haben. In der Auseinandersetzung mit dem frühen familienskeptischen Feminismus hat sich die CDU mit Wahlfreiheit und Erziehungsgeld behauptet. Schon deshalb, weil viele Frauen vor der gewaltigen Kluft zwischen beruflichen Ansprüchen und Familie ganz gern kapituliert haben. Denn die feministischen Barrikadenkämpfe haben diese Frauen auf vieles vorbereitet, nur nicht auf das überwältigende Glücksgefühl der Mutterschaft, das so vieles verzeihen lässt.

Mittlerweile sind auch aus diesen Familien Erfahrungen, Werte, Kultur auf Töchter und Söhne übertragen worden. Und die Union unterliegt einem großen Irrtum, wenn sie Statistik und Umfragen mit inneren Wahrheiten verwechselt. Statistik und Umfragen weisen aus, dass die Vater-Mutter-Kind-Familie, nicht die oft zitierten „vielfältigen Lebensformen“, das Lebensmodell der Mehrheit ist. Doch daran lässt sich nicht die Sehnsucht nach traditionellen Rollen ablesen, sondern die erstaunliche Anpassungsfähigkeit der modernen Familie an veränderte Verhältnisse. Die große Industrie hat die Großfamilie zerstört. Ob die Wissensgesellschaft die Kleinfamilie auflöst, ist angesichts der wachsenden Kinderlosigkeit ganzer Bevölkerungsgruppen eine ernste Frage. Das wichtigste Gegenmittel sind Töchter und Söhne aus Familien, in denen vorgelebt wird, wie man als Mensch besteht im kalten Wind der globalisierten Wirtschaft.

Deshalb wird Familie nicht mehr mit der Union identifiziert: weil die christlichen Parteien nicht sehen wollen, wie sehr gerade das emanzipatorische Familienmodell den Nachkommenden tradiert, dass Leben viel mehr ist als ökonomische Selbstbehauptung. Nicht nur im Verhältnis von Männern und Frauen, auch zwischen Eltern und Kindern zählen Respekt und Einfühlung in den anderen, eine schwierige Freiheit anstelle der alten Zwänge und Abhängigkeiten.

Der Vater, hat Kirchhof noch vor drei Jahren geschrieben, ist für die ökonomischen Grundlagen der Familie zuständig, die Mutter macht in der Familie Karriere. Welche junge Frau, welcher junge Mann will oder kann sich daran orientieren? Nicht weniger unglaubwürdig ist das Gegenteil, Modell von der Leyen, berufstätige Mutter von sieben Kindern. Von den ganz normalen Härten des (Familien-)Lebens sind beide weit entfernt.

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