Politik : Vom Strand direkt ins Gefängnis Marco W. teilt Zelle

mit etwa 30 Häftlingen

Susanne Güsten

Istanbul - An diesem Montag bekommt Marco W. wieder Besuch. Ein Abgesandter des deutschen Konsulats in Antalya will im Gefängnis der südtürkischen Urlauberstadt nach dem 17-Jährigen aus Uelzen schauen. W. wartet in der Haftanstalt auf seinen Prozess wegen angeblichen sexuellen Missbrauchs eines 13-jährigen britischen Mädchens. Seit Mitte April sitzt der Schüler aus Niedersachsen hier ein, ein Antrag auf Freilassung gegen Kaution wurde von den Richtern abgelehnt.

Ein monatelanger Aufenthalt in dem relativ alten Gefängnis von Antalya ist kein Zuckerschlecken. Um dem deutschen Jungen ein Zusammenleben mit straffälligen türkischen Jugendlichen zu ersparen, brachten die türkischen Behörden ihn zwar in einem Trakt für erwachsene ausländische Häftlinge unter, doch angenehm ist auch dies nicht: Rund 30 Insassen teilen sich nach Medienberichten einen Schlafsaal, eine einzige Toilette und eine Dusche. Auch um die Verpflegung durch die Gefängnisküche soll es nicht zum Besten bestellt sein. Allerdings darf Marco auf eigene Rechnung Nahrungsmittel hinzukaufen und auch Geschenke von Besuchern annehmen.

Die Behörden in Antalya wollten zu dieser Beschreibung der Haftbedingungen keine Stellung nehmen. Die Unterbringung in einer solchen Großraumzelle ist für alte türkische Haftanstalten aber nichts Ungewöhnliches. Die Türkei hat eine ganze Reihe von modernen Gefängnissen, in denen sich die Standards nicht von dem Niveau im westeuropäischen Strafvollzug unterscheiden, aber nicht alle Vollzugsanstalten sind in den vergangenen Jahren auf den neuesten Stand gebracht worden.

Neben den Konsularbeamten kommen auch Marcos Eltern regelmäßig ins Gefängnis; nach den Worten ihres türkischen Anwaltes will das Ehepaar W. in diesen Tagen erneut in Antalya sein. Und auch Rainer Korten, ein deutscher Pfarrer in Antalya, hat Besuche angeboten.

Während Marco auf die Fortsetzung seines Prozesses am 6. Juli wartet, sorgt sein Fall in Deutschland und in der Türkei für zum Teil sehr scharfe Reaktionen. Die Kieler Strafrechtlerin Monika Frommel sprach im „Spiegel“ von einem „Terror überholter Moralvorstellungen“ in der Türkei – obwohl der Prozess gegen Marco auf eine Anzeige der Mutter des britischen Mädchens zurückgeht. Im Gegenzug warf „Hürriyet“ den deutschen Medien eine antitürkische Kampagne vor. Ein Kolumnist der Zeitung kritisierte zudem die Forderung der Bundesregierung in Berlin nach Freilassung des Jungen – und auch die türkische Regierung, die untätig zuschaue, wie mit der „nationalen Ehre“ des Landes gespielt werde.

In Uelzen ruft eine Privatinitiative inzwischen zur Hilfe für Marco und seine Familie auf. Der Initiative zufolge ist Marcos Vater schwer krank. Zudem braucht die Familie für die Flüge in die Türkei und die Bezahlung des mithilfe des deutschen Konsulats ausgewählten Anwalts viel Geld. Die Eltern haben am Sonntag an die türkischen Behörden appelliert, ihren Sohn freizulassen.Susanne Güsten

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