Politik : Vom Vorurteil zur Vernichtung

Jürgen Schmidt

In der Forschung ist es heute üblich, auf die Kontinuitäten des Phänomens Antisemitismus hinzuweisen. Auf mentalitätsgeschichtlicher Ebene lässt sich zwischen der traditionellen Judenfeindschaft der Antike und des Mittelalters und dem modernen Antisemitismus "eine klare Trennungslinie nicht ziehen", meinte etwa Helmut Berding in seinem Buch über den modernen Antisemitismus in Deutschland. Der französische Publizist und Historiker Gerald Messadié vertritt ebenfalls diese These und wagte sich an das Mammutprojekt einer Geschichte des Antisemitismus von der alttestamentarischen Zeit bis in unsere Gegenwart.

Nicht nur zeitlich, auch räumlich kennt Messadié keine Grenzen. Er verfolgt die Spuren der antisemitischen Vorurteilsbildung in Europa, blickt aber genauso auf die arabische Welt und nach Amerika und entdeckt im Fernen Osten im Einflussbereich des Konfuzianismus und Hinduismus eine der wenigen Regionen, die keine Diskriminierung und Verfolgung der Juden kannte.

Trotz aller guten inhaltlichen Ansätze - dem Autor verrutschen bei der Suche nach griffigen Formulierungen die Maßstäbe. Es geht schlicht nicht an, die Schilderung der wirtschaftlichen Krisenzeiten der Weimarer Republik in dem Satz gipfeln zu lassen: "Die törichten Bankiers in der Wall Street ebneten den Nationalsozialisten den Weg zur Macht." Die Kapitel über die mittelalterliche Judenfeindschaft fasst Messadié folgendermaßen zusammen: "Sie beschreiben ein auf Zeit und Raum verteiltes Auschwitz." Auschwitz aber war der konkrete Ort, an dem die systematisierte, durch Hilfsbürokratien unterstützte Judenverfolgung in eine fabrikähnliche Vernichtung überging. Dies unterschied den Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg fundamental von allen mittelalterlichen Pogromen. Gerade deshalb ist der Vergleich mit Auschwitz falsch.

Abgesehen von diesen das Gesamtbild stark trübenden Einschüben schafft sich Messadié eine tragfähige Struktur für das komplexe Thema, in dem er in drei großen Blöcken den vorchristlichen, christlichen und nationalistischen Antisemitismus beschreibt. Begrifflich wäre es allerdings präziser gewesen, für den langen Zeitraum vor 1800 auf die Ausdrücke Antijudaismus und Judenfeindschaft zurückzugreifen. Es wird herausgearbeitet, wie mit der Emanzipation der Juden die traditionelle Judenfeindschaft mit ihren religiösen, sozialen und wirtschaftlichen Stereotypen von neuen nationalen, völkischen und rassenideologischen Vorurteilen überlagert wurde.

Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Auf der einen Seite steht das Verdienst, das Thema engagiert ausgebreitet und mit einem flammenden Mahnruf für Toleranz beendet zu haben. Andererseits steht man angesichts der ahistorischen Vergleiche ratlos vor diesem Sachbuch und seinem Autor, der im Vorwort seine bizarren Ängste ausbreitet: "Allein der Gedanke, dass jemand, der heute neben einem in der U-Bahn sitzt, morgen ein neuer Hitler oder Himmler sein könnte, bringt einen um den Schlaf."

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