Politik : Vom Wertewandel geschüttelt

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Voraussagen sind eine heikle Sache, zumal, wenn sie die Zukunft betreffen. Es muss – um ein Bonmot des wichtigen Konsenstheoretikers Dieter Bohlen zu bemühen – was rüberkommen, aber nicht das Falsche. Vermutlich sind deshalb die erfolglosen Zukunftsforscher des 20. Jahrhunderts von der Bühne abgetreten und durch Entertainer mit Sonderauftrag ersetzt worden, die sich bescheiden „Trendforscher“ nennen und statt des nahen Weltenendes jede Menge Konsenskompott anrichten. Grad ist wieder Saison!

Matthias Horx, nein, Moment, da war jetzt nix, komisch, kommt sicher noch. Aber hier, Peter Wippermann: Die Deutschen werden nach seiner Ansicht allmählich kleine Italiener, drängen ans Wasser und tragen Caprihosen. Herr Ober, due Kapputschini, per favore! Nur ein Beispiel, beliebig variierbar: Die Dänen werden langsam Marokkaner, die Moldawier Filipinos, da droht noch allerhand Trendgeforsche.

Aber klar ist natürlich: Wer in sich die wachsende Italianità spürt, der kann nicht anders als zufrieden sein. Das bestätigt uns Horst Opaschowski, der heimlich den Wandel vom notorischen Freizeitexperten zum Allgemeinwisser vollzogen hat: Der Deutsche, sagt er, durchlebt derzeit ein Stimmungshoch, er denkt optimistischer, wird seit dem 11.September 2001 vom Gefühl des Wertewandels durchgeschüttelt. Vor allem die Jugend! Sieht, Zitat, „den Fortschritt als wichtigste Zukunftsassoziation an“.

Dem ist schwer zu widersprechen. Denn die Zukunft ist zweifellos auch die wichtigste Fortschrittsassoziation, während der Rückschritt uns eher die Vergangenheit assoziieren lässt und die Vergangenheit den Rückschritt ... Wo waren wir grad stehen geblieben?

Hier: bei menschlicher Wärme. Die Deutschen wünschen, sagt Opaschowski, ein Ende der sozialen Erosion. („Noch eine letzte Frage: Wie stehen Sie zur sozialen Erosion? Ist sie a) zu viel, b) gerade richtig oder c) dürfte gern noch zunehmen?“)

Da ist offenbar in der Tat viel aufzuholen, denn nur 31 Prozent der Deutschen grüßen ihre Nachbarn. Das ist jetzt nicht Opaschowski, sondern eine „Chrismon“-Umfrage, die leider nichts über den Grund dieses Phänomens weiß. Auch der 11. September?

Der SPD-Trendforscher Ottmar Schreiner hat eine Theorie: Die SPD-Stammwählerschaft, ein Haufen Leute, sei durch all die Reformen „extrem traumatisiert“, vom allgemeinen Stimmungshoch also offenbar ausgenommen. Möglicherweise hilft es, wenn als Sofortmaßnahme Caprihosen und Cappuccino ausgegeben werden?

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