Von Anleihen bis Zinsen : Das ABC der Schuldenkrise

Welche Begriffe man kennen muss, um die Vorgänge in Griechenland und der Eurozone zu verstehen.

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Der griechische Euro
Der griechische EuroFoto: dpa


Die Euro-Schuldenkrise ist zum täglichen Nachrichtenthema geworden. Was sich in Griechenland derzeit ereignet, droht auf andere Staaten des Euro-Raumes überzugreifen. Die Krise hat ihre eigenen Begrifflichkeiten in unseren Alltag getragen – Worte, mit denen bislang vorwiegend Fachleute umgingen. Das ABC der Schuldenkrise soll zum Verständnis der Vorgänge beitragen.

Anleihen

Das sind Wertpapiere mit einer festen Laufzeit und einem festen Zinssatz. Unternehmen oder Staaten geben die Papiere heraus, um sich bei den Bürgern Geld zu leihen. Wer eine Anleihe kauft, gibt dem Herausgeber quasi einen Kredit. Dafür bekommt er regelmäßig Zinsen. Das garantiert der sogenannte Zinskupon, der auf dem Papier aufgedruckt ist. Seine Höhe hängt davon ab, wie viele Zinsen die Investoren zum Zeitpunkt der Herausgabe fordern. Am Ende der Laufzeit wird der Kredit zurückgezahlt. Man kann die Anleihen aber auch an der Börse weiterverkaufen. Der Preis kann über oder unter dem Preis liegen, den man selbst für das Papier bezahlt hat. Je niedriger der aktuelle Marktzins ist, desto höher ist der Preis, den man für ein Papier mit einem hohen Zinskupon zahlen muss.

Banken

Sie gehören neben Versicherungen und Fondsgesellschaften zu den größten Käufern von Staatsanleihen. Die Papiere galten lange als eine sichere Investition. Das sieht auch der Gesetzgeber so. Darum müssen die Banken für einen Staatskredit nicht so viel Eigenkapital aufbringen, wie sie für einen Kredit an ein Unternehmen brauchen. Außerdem können sie die Staatsanleihen bei der Europäischen Zentralbank hinterlegen, wenn sie sich selbst Geld leihen. So haben die Staaten ganz nebenbei dafür gesorgt, dass ihre Kreditquellen nicht versiegen.

Deutsche Bank

Ihr Chef Josef Ackermann ist eines der bekanntesten Gesichter der Schuldenkrise. Als Chef des größten deutschen Instituts und Vorsitzender des Internationalen Bankenverbandes ist er ein gefragter Ratgeber für die Politik. Sein Rat ist natürlich nicht uneigennützig: Eine Pleite Griechenlands, glaubt Ackermann, könnte noch andere Länder in der Euro-Zone anstecken. Dann würden alle Banken Verluste machen, die in diesen Ländern Geld verliehen haben. Um das zu verhindern, hat Ackermann im Namen der Finanzbranche erklärt, dass die Banken den Griechen einen Teil ihrer Schulden erlassen werden und damit auf 30 Milliarden Euro verzichten werden. Zu mehr ist er nicht bereit. Dabei könnte es andernfalls noch viel teurer werden: Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten musste die Deutsche Bank ihr Gewinnziel von zehn Milliarden Euro für dieses Jahr schon zurückschrauben.

Euro-Rettungsschirme

Es gibt im Grunde drei Versionen des Euro-Rettungsschirms: erstens die im Mai 2010 von den europäischen Staats- und Regierungschefs beschlossene Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF), zweitens der vor über einer Woche vom Bundestag abgesegnete „erweiterte“ EFSF mit neuen Kompetenzen wie dem Aufkauf von Staatsanleihen und drittens den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). Im ESM soll verbindlich geregelt werden, wie private Gläubiger – also Banken und Versicherungen – im Fall der Zahlungsunfähigkeit eines Euro-Landes zur Kasse gebeten werden können. Eine solche Regelung fehlt bislang. Der dauerhafte Rettungsschirm ESM soll ab Mitte 2013 den EFSF ersetzen; Finanzminister Wolfgang Schäuble hat aber auch schon einen früheren Start ins Spiel gebracht.

Die EFSF-Abstimmung im Bundestag
"Dass Sie mir ja richtig abstimmen." Die Kanzlerin überzeugt sich persönlich von der korrekten Stimmabgabe.Weitere Bilder anzeigen
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29.09.2011 10:50"Dass Sie mir ja richtig abstimmen." Die Kanzlerin überzeugt sich persönlich von der korrekten Stimmabgabe.

Griechenland

Mit Griechenland fing Europas Schuldenkrise an. Inzwischen ist die Krise aber nicht mehr nur auf das Land mit seinen elf Millionen Einwohnern begrenzt. Erst erhielt Griechenland ein eigenes Rettungspaket der Europäer und des Internationalen Währungsfonds, dann schlüpften Irland und Portugal unter den anschließend aufgespannten Rettungsschirm EFSF. Doch damit nicht genug: Seit dem vergangenen Sommer gibt es immer wieder Befürchtungen, dass die griechische Schuldenkrise auch auf Spanien und Italien übergreifen könnte. Um dieses Risiko einzudämmen, wird nun in den Euro-Staaten eilig der erweiterte EFSF durch die Parlamente gebracht. Es fehlt nur noch die Zustimmung Maltas und der Slowakei.

Internationaler Währungsfonds

Der IWF ist eine Organisation der Vereinten Nationen. Zu seinen Aufgaben gehört es, hochverschuldeten Mitgliedstaaten zu helfen. Dafür verlangt der IWF aber auch eine Menge. In den 80er und 90er Jahren schickte die Organisation nicht nur Milliarden Dollar, sondern auch ihre Berater nach Asien und Lateinamerika. Manche hätten gern auf die Hilfe verzichtet. Die rigide Sparpolitik, die ihnen der IWF als Gegenleistung für die Kredithilfen verordnete, hat viele Länder an den Rand des Ruins getrieben. Heute hat der IWF seinen Schwerpunkt in Europa. Der Währungsfonds ist an den Rettungspaketen für Griechenland, Irland und Portugal beteiligt – und überwacht gemeinsam mit den Europartnern die Fortschritte der verordneten Reformen.

Die Euro-Krise im Zeitverlauf
Auf den Schultern von Bundeskanzlerin Angela Merkel lastet viel Verantwortung. Deutschland spielt die entscheidende Rolle in der Rettung des Euro. Bei den Griechen hat die Kanzlerin sich unbeliebt gemacht. Wie ist die Gemeinschaftswährung aber ins Straucheln gekommen? Ein Rückblick.Alle Bilder anzeigen
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27.09.2011 13:26Auf den Schultern von Bundeskanzlerin Angela Merkel lastet viel Verantwortung. Deutschland spielt die entscheidende Rolle in der...

Liquidität

Das ist das Geld, das eine Bank nicht fest angelegt, sondern zur freien Verfügung, also „flüssig“ hat. Eine gewisse Summe muss sie ständig vorhalten, das schreibt der Gesetzgeber vor. So wird unter anderem sichergestellt, dass Kunden jederzeit ihr Geld abheben können. Braucht eine Bank frisches Geld, leiht sie es sich in der Regel über die Europäische Zentralbank, aber auch bei anderen Banken. Dieser sogenannte Interbankenmarkt droht gerade ins Stocken zu geraten. Die Institute trauen einander nicht mehr. Keiner weiß, welche Risiken aus faulen Staatsanleihen in den Bilanzen der anderen stecken – und ob sie genügend Kapital haben, um Verluste zu verkraften. Das war schon einmal so, 2008, nach der Lehman-Pleite. Um sicherzustellen, dass die Banken zahlungsfähig bleiben, hat die Europäische Zentralbank jetzt beschlossen, den Banken für die nächsten zwölf Monate praktisch unbegrenzt Liquidität zur Verfügung zu stellen – Geld, das die Institute natürlich zurückzahlen müssen.

Moody’s

Die Agentur gehört neben Fitch und Standard & Poor’s zu den drei größten Ratingagenturen der Welt. Ratingagenturen bewerten regelmäßig Staaten, Unternehmen und Finanzprodukte mit einer Note. Sie soll Auskunft darüber geben, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Schuldner dem Gläubiger das Geld pünktlich und vollständig zurückzahlt. Viele Investoren entscheiden anhand dieser Note, ob und zu welchem Zinssatz sie einem Land ihr Geld leihen. Die Politiker, vor allem in den alten Industrieländern, werfen den Ratingagenturen darum oft vor, mitverantwortlich zu sein für die Schuldenkrise. Dabei ist die Politik hier auch nicht ganz unschuldig: Bei der Frage, wie viel Eigenkapital eine Bank einsetzen muss, um eine Staatsanleihe zu kaufen, darf die Bank das Urteil einer Ratingagentur als Beleg für die Sicherheit der Anlage bei der Finanzaufsicht einreichen.

Pleite

Wäre Griechenland ein Unternehmen, wäre es längst pleite. Das Land wird Ende 2011 Schulden in Höhe von 166 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung angehäuft haben, die Zinsen lasten schwer auf dem Staatshaushalt. Auf dem Kapitalmarkt leiht den Griechen längst niemand mehr Geld zu vernünftigen Konditionen. Wenn EU und IWF die nächste Tranche des Hilfsprogramms nicht überweisen, ist die griechische Regierung zahlungsunfähig. Ein Land kann aber nicht Insolvenz anmelden wie ein Unternehmen, dafür gibt es international kein Gesetz. Ein Land kann höchstens seine Zahlungsunfähigkeit erklären. So hat es Argentinien in den 90er Jahren gemacht. Die Gläubiger haben dabei zum Teil 80 Prozent ihres Geldes verloren. Die Folge für Argentinien: Niemand hat dem Land mehr Geld geliehen, nicht einmal der IWF. Die Wirtschaft lag am Boden. Mittlerweile hat sie sich berappelt. Das Land weist mittlerweile so hohe Wachstumsraten auf, dass die Investoren trotz der Staatspleite zurückgekommen sind – weil sie nicht auf die Gewinne verzichten wollen. Die meisten Experten halten auch bei Griechenland einen Schuldenschnitt für ausweglos. Nur so habe das Land eine Chance, sich wirtschaftlich zu erholen.

Wie kommt Griechenland aus der Schuldenkrise?
Was passiert eigentlich, wenn Athen pleite geht?Alle Bilder anzeigen
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22.02.2012 11:57Was passiert eigentlich, wenn Athen pleite geht?

Rekapitalisierung

Um eine Bank zu gründen, braucht man in Deutschland mindestens fünf Millionen Euro Eigenkapital. Das Geld muss man nicht selbst besitzen, man kann es auch einwerben, indem man Aktionäre an dem Unternehmen beteiligt. Wenn die Bank mit dem Kapital hohe Verluste macht, haben die Sparer trotzdem noch ein Anrecht auf ihr Geld – die Aktionäre nicht. Ihr Geld nennt man deshalb auch Haftungskapital. Wichtig ist nicht, wie viel eine Bank davon hat, sondern in welchem Verhältnis es zu den Risiken steht, die sie eingegangen ist. Zu den Risiken gehören zum Beispiel Kredite an Unternehmen oder Staatsanleihen. Sie werden täglich neu bewertet. Verliert eine Staatsanleihe an Wert, weil die Investoren nicht mehr an die Zukunft des Landes glauben, schrumpft das Kapital der Bank, die solche Staatsanleihen in ihrem Besitz hat. Gleichzeitig steigen die Risiken. Die Eigenkapitalquote sinkt. Wenn sie unter die gesetzlich vorgeschriebene Grenze von vier Prozent fällt, muss sich die Bank frisches Kapital beschaffen – vorausgesetzt, sie findet noch jemanden, der es ihr gibt. Nach Meinung des IWF fehlen den europäischen Banken insgesamt 200 Milliarden Euro. Bundeskanzlerin Merkel hat die Regierungschefs darum schon aufgerufen, angeschlagene Banken zu rekapitalisieren.

Transaktionssteuer

Die Bundeskanzlerin ist dafür, der Bundesfinanzminister ebenfalls: für die Einführung einer internationalen Finanztransaktionssteuer. Hier würde bei jeder Transaktion am Kapitalmarkt ein bestimmter Prozentsatz an den Staat gehen. Das könnte zum einen Milliarden in die maroden Staatshaushalte bringen. Befürworter glauben zudem, dass Spekulationen, etwa Wetten auf Währungen, oder Staatsanleihen dadurch unattraktiver würden. Eine internationale Lösung ist bisher stets an den USA gescheitert. In der EU sind Deutschland und Frankreich dafür, Großbritannien wehrt sich allerdings vehement dagegen. Die Briten haben Angst, dass die Finanzindustrie vom Standort London in die USA abwandern könnte.

US-Wirtschaft

Sie ist die größte Volkswirtschaft der Welt – mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von mehr als 14 Billionen US-Dollar. Doch auch die Staatsverschuldung ist auf einem extrem hohen Level: Im Mai dieses Jahres überstieg sie die gesetzlich festgelegte Schuldenhöchstgrenze von 14,3 Billionen Dollar. Weil die amerikanische Zentralbank, die Fed (Federal Reserve), stets Dollar nachdruckt, ist eine Staatspleite der USA praktisch ausgeschlossen. Und seit langem kursiert in den USA die Angst vor einem Rückfall in die Rezession, auch wenn das BIP im zweiten Quartal auf das Jahr hochgerechnet um 1,3 Prozent stieg und damit stärker als erwartet. Doch wenn im Euro-Raum eine grassierende Schuldenkrise droht, sorgen sich auch die Amerikaner. So warf US-Präsident Obama Mitte September den Europäern vor, sie trügen eine Mitschuld am desaströsen Zustand der Weltwirtschaft. Obama fürchtet, dass die schwache US-Wirtschaft unter der Krise in Europa leiden könnte.

Wie Politiker früher über eine europäische Wirtschaftsregierung dachten
Angela Merkel und Nicolas Sarkozy sind sich einig: Europa braucht eine gemeinsame Wirtschaftspolitik. So einig war man sich nicht immer, bedeutet es doch einen erheblichen Eingriff in die Souveränität der Eurostaaten. Ein Blick zurück: Wie haben sich Politiker früher zu dem Thema geäußert?Alle Bilder anzeigen
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17.08.2011 19:37Angela Merkel und Nicolas Sarkozy sind sich einig: Europa braucht eine gemeinsame Wirtschaftspolitik. So einig war man sich nicht...

Wirtschaftsregierung

Mitte August sprachen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy dafür aus, dass die 17 Staaten der Euro-Zone eine gemeinsame Wirtschaftsregierung erhalten. So soll eine engere wirtschaftspolitische Verzahnung im Euro-Raum erreicht werden. Das Projekt ist umstritten, weil sich nicht zur Euro-Zone gehörende Staaten wie Polen ausgeschlossen fühlen. Klar ist bislang nur, welches Format sich Merkel und Sarkozy für die EU-Wirtschaftsregierung vorstellen: Mindestens zweimal pro Jahr sollen die Staats- und Regierungschefs des gemeinsamen Währungsraums tagen; den Vorsitz der Treffen soll der Belgier Herman Van Rompuy übernehmen, der als ständiger EU-Ratspräsident auch jetzt schon die EU-Gipfel vorbereitet. Unklar sind hingegen die Kompetenzen einer EU-Wirtschaftsregierung. Denkbar ist, dass die Wirtschaftsregierung Empfehlungen an Defizitsünder ausspricht.

Zinsen

Sie sind so etwas wie ein Gradmesser für Risiko. Je höher die Wahrscheinlichkeit, dass ein Land seine Schulden nicht zurückzahlen wird, desto höher sind die Zinsen, die die Anleger für ihr Geld verlangen. Daraus kann eine gefährliche Schuldenspirale entstehen. Griechenland zum Beispiel braucht ständig neue Kredite, um die Zinsen für die Altschulden zahlen zu können. Darum sind die Rettungspakete auch keine Geldgeschenke, sondern lediglich Kredite zu etwas günstigeren Konditionen.

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