Politik : Von Schmidt-Schnauze zum Ratgeber

Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt wird 85 Jahre alt. Er hat seine Meinungsfreude und sein scharfes Urteil nicht verloren

Hermann Rudolph

Er ist schwer geworden und bewegt sich sichtlich mühsam. Längst sind ihm Hörgerät und Gehstock unentbehrlich, und die Gestalt mit dem kräftigen Kopf wirkt nun wie aus dem politischen Urgestein dieser Republik gemeißelt, zu dem er gehört. Aber seine hamburgisch akzentuierte Stimme ist so bestimmt wie eh und je. Er ist der eindruckvolle Redner geblieben, der er stets war, und ist überhaupt von staunenswerter Präsenz. Kurz: Helmut Schmidt ist auch mit 85 Jahren ein starker Eindruck. Das hat etwas zu tun mit der Ausstrahlung autoritativer Strenge und selbstbewusster Würde, aber auch mit einer Begabung zum Elder Statesman, die man von dem jungen Schmidt, von „Schmidt-Schnauze“ nach der zeitgenössischen Apostrophierung, und selbst von dem eisernen Kanzler seiner Regierungsjahre kaum erwartet hätte.

Seine Meinungsfreude und die Schärfe seines Urteils haben keineswegs nachgelassen. Eben erst hat er den deutschen Managern wegen ihrer horrenden Einkünfte die Leviten gelesen. Was immer an aktuellen Themen anliegt, Reformstau und Föderalismus-Debatte, wirtschaftliche Lage und außenpolitische Entwicklungen – Schmidt ist allemal gut für fundierte Ansichten und markante Positionen. Der Politiker, dessen Laufbahn bereits vor bald 20 Jahre zu Ende ging, hat als Publizist, Redner, Buchautor und öffentliche Instanz eine zweite Laufbahn absolviert. Inzwischen machen auch jene ihren Frieden mit ihm, die sich früher an ihm gerieben haben – an seiner Befürwortung der Nachrüstung, seinem Pragmatismus, seinen herben Ökonomie-Predigten. Vielleicht ist es die bemerkenswerte Veränderung dieser zwei Jahrzehnte, dass Schmidt sich heute seines Rangs unter den Größen der Republik – und seiner Partei – sicherer sein kann als je zuvor.

Das hat auch damit zu tun, dass das Etikett des Machers, das ihm in seiner aktiven Politikerlaufbahn anhing, seinen denunziatorische Makel verloren hat. Erstens wären viele froh, wenn Politik heute so schnörkellos, effektiv und umsichtig gemacht würde wie zu seinen Regierungszeiten. Und zweitens hat sich herausgestellt, wie wenig es gestimmt hat. Die Verankerung seiner Politik in moralisch-politischen Kategorien, in Maßstäben und Überzeugungen, ja, in einer älteren Vorstellungswelt, die von Anstand und Pflicht getragen wird, ist um so sichtbarer geworden, je weiter das Kampfgetöse sich entfernt hat, in dem er als Fraktionsvorsitzender, Minister und Kanzler agierte.

Dabei ist unbestritten – wenn auch vielleicht noch nicht von jedem erkannt –, dass er auch ein eminent erfolgreicher Politiker war. Dank seiner Steuerkunst ist die Bundesrepublik besser durch die schwierigen siebziger und achtziger Jahre gekommen als die meisten Staaten. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass sie mit dem RAF-Terrorismus fertig wurde und in den rüstungspolitischen Konflikten der achtziger Jahre ihre Handlungsfähigkeit bewahrte – freilich gegen die Mehrheit der eigenen Partei. Seit vergangener Woche trägt die Hamburger Bundeswehrhochschule seinen Namen – eine spektakuläre Würdigung seiner Verdienste als früherer Verteidigungsminister.

Auch Berlin hat ihm zu danken. Helmut Schmidt war es, der vor Jahresfrist den Blick darauf gelenkt hat, dass der Hauptstadt-Status der Stadt ungesichert ist. In diesem Jahr widmete die von ihm mitgegründete Nationalstiftung diesem Thema ihre Jahrestagung.

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