Vor der Unabhängigkeit : Das Kosovo vor dem Tag X

Die Unabhängigkeitserklärung der serbischen Provinz steht kurz bevor. Die Menschen im Kosovo stecken mitten in den Vorbereitungen für ein großes und lang erwartetes Fest.

Norbert Rütsche[Pristina]
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Vorfreude. Im Kosovo erwartet man die Unabhängigkeit. -Foto: dpa

Pristina putzt sich heraus für die Unabhängigkeitserklärung, über deren Datum die ganze Stadt spekuliert. Zu den letzten Vorbereitungen gehört auch die Wahl einer Flagge für den neuen Staat Kosovo. „Das mache ich für die Unabhängigkeit“, ruft der Fensterputzer im blauen Overall vergnügt über den Zaun, während er mit kräftigen Zügen die Glasfassade des Kosovo-Parlaments in Pristina reinigt. An der neuen Fußgängerzone am Mutter-Teresa-Boulevard, die dem Stadtzentrum endlich so etwas wie Charme verleiht, montieren Arbeiter die letzten Straßenlampen. „Unabhängigkeit – das Hotel Afa ist bereit“, heißt es in riesigen Lettern auf einem Werbeplakat. Darauf offeriert das Hotel allen Gästen, die aus einem Staat kommen, der das Kosovo anerkennt, einen Preisnachlass von 20 Prozent. Die Stimmung ist aufgeräumt, aber ruhig. In Pristina sind sich alle sicher: Jetzt ist die Unabhängigkeit des Kosovo zum Greifen nah.

Auch der kosovarische Vizepremier Hajredin Kuci, der nach Ministerpräsident Hashim Thaci als einflussreichster Mann im Kosovo gilt, bestätigte dem Tagesspiegel: „Ja, Kosovo ist bereit. Wir warten jetzt auf das Signal der internationalen Gemeinschaft.“ Genau wie alle anderen Entscheidungsträger will Kuci keine Angaben zum genauen Datum der Unabhängigkeitserklärung machen. Er sagte nur: „Wir sind am Vorabend der Unabhängigkeit. In etwa kennen die Regierungsmitglieder das Datum.“ In den Kneipen und Bars Pristinas, aber auch in den sogenannten „gut informierten Kreisen“, scheint sich als Favorit immer klarer Sonntag, der 17. Februar, durchzusetzen. Dann, so heißt es, könnten einige wichtige EU-Staaten Kosovo sofort anerkennen, noch bevor es zu einer von Russland verlangten Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates am Montag in New York käme. Wegen der Zeitverschiebung gewännen die Europäer ein paar Stunden Zeit, um Tatsachen zu schaffen und die Position Kosovos dadurch zu stärken. Zudem könnten die EU-Außenminister bei ihrem Treffen am 18. Februar die aus 1800 Polizisten, Zollbeamten, Richtern und Staatsanwälten bestehende zivile EU-Rechtsstaatsmission Eulex endgültig auf den Weg nach Kosovo schicken.

Gemäß dem im UN-Sicherheitsrat gescheiterten Ahtisaari-Plan, den die kosovarische Regierung trotzdem als Grundlage für den Aufbau des neuen Staates verwendet, gibt es Regeln für die Staatssymbole Kosovos. So darf die Flagge nicht ausschließlich aus den Farben Rot-Schwarz bestehen wie jene Albaniens, aber auch nicht nur aus den Farben Rot-Blau-Weiß wie die Serbiens. Zudem sind keine Adler zugelassen, weil diese sowohl das albanische wie auch das serbische Banner zieren. Mitte vergangenen Jahres war die Öffentlichkeit aufgefordert worden, Ideen für die Flagge und das Wappen auszuarbeiten. Insgesamt gaben 997 Personen 2536 Flaggen- und 727 Wappenvorschläge ab.

Nun ist es am Parlament, mit Zweidrittelmehrheit die künftigen Staatssymbole Kosovos auszuwählen. Vizepremier Hajredin Kuci geht davon aus, dass das Parlament die Flagge in derselben Sitzung bestimmt, in der es auch die Unabhängigkeit Kosovos ausrufen wird. „Es besteht schon jetzt ein nationaler Konsens über die Symbole, denn sie sind nicht monoethnisch. Alles wird rechtzeitig bereit sein.“

Dies ist für Fadil Hysaj, der eigentlich Regisseur ist, von entscheidender Bedeutung: „Eine Unabhängigkeitserklärung ohne Flagge wäre wie ein Schauspieler, der bei der Premiere ohne Kostüm auftritt.“ Doch er ist sich bewusst, dass es für die neue Staatsflagge von Kosovo nicht einfach sein wird, sich gegenüber der nationalen Flagge der Albaner, dem schwarzen Doppelkopf-Adler auf rotem Grund, durchzusetzen. Auch in einem unabhängigen Kosovo kann nämlich jede Volksgruppe ihre Nationalflagge weiterhin verwenden. „Ich erwarte vorläufig keine großen Emotionen für die neuen Staatssymbole. Aber ich hoffe, dass diese langsam entstehen werden“, sagt Hysaj.

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