Politik : WAA Karlsruhe: Badener Atomsuppe

Meinrad Heck

Männer in Gasmasken und Schutzanzügen stören am Wochenende die Idylle im pfälzischen Landau. Sie nehmen zwei Wohnungen unter die Lupe, lassen Altkleider-Container mitgehen, konfiszieren Autos und beunruhigen die Nachbarn. Beamte des Landeskriminalamtes haben sich eingeschaltet und versuchen zu klären, was eigentlich nicht zu erklären ist; Deutschlands ersten Fall von Atomdiebstahl.

Scheibchenweise sickert seit dem Wochenende durch, dass ein Arbeiter beim Abbruch der früheren Wiederaufbereitungsanlage (WAA) Karlsruhe plutoniumhaltiges Material durch alle Sicherheitsschleusen hindurch geschmuggelt hat. In dem Gebäude waren bis zur Stilllegung im Jahr 1990 rund 200 Tonnen abgebrannte Brennelemente aufbereitet worden. Seitdem lagern hinter Stahlbetonwänden 70 000 Liter hochradioaktiver Atomsuppe.

Spezialeinsatztrupps der Polizei und des Landesamtes für Umweltschutz fanden jetzt nach Hinweisen des Arbeiters auf einem stillgelegten Flugplatz in Landau mehrere vergrabene Handschuhe und ein Reagenzglas mit einer braunen Flüssigkeit. Stundenlang hatte die Karlsruher Staatsanwaltschaft am Montag an einer Erklärung gefeilt, bis sie des Rätsels Lösung bekanntgab. Der 47-jährige Angestellte einer mit Abrissarbeiten in der WAA beschäftigten Firma habe mit dem Schmuggel "den Verantwortlichen aufzeigen wollen, wie leicht man ihre Sicherheitsvorkehrungen umgehen könne". Der Skandal hätte schon monatelang bekannt sein können. Denn im März 2001 waren bei dem Mann erstmals erhöhte Radioaktivitätswerte im Urin festgestellt worden. Erst am 20. Juni, erklärte jetzt die Staatsanwaltschaft, seien die Verantwortlichen der WAA davon unterrichtet worden. Freitag letzter Woche schalteten sich die Ermittler ein.

Der Mann gab gegenüber der Staatsanwaltschaft Karlsruhe an, schon Ende 2000 "mehrere belastete Wischtücher" und "ein Fläschchen mit einer ihm unbekannten Substanz herausgeschmuggelt und in seiner Wohnung aufbewahrt" zu haben. Als er von den Ergebnissen seiner Urinprobe erfahren habe, will er seine Freundin aufgefordert haben, "die Sachen aus seiner Wohnung zu entsorgen". Daraufhin soll die Frau mehrere Kleider des Mannes in einen Altkleidercontainer geworfen und das mysteriöse Fläschchen bei Landau "auf freiem Gelände in eine wild wuchernde Hecke geworfen" haben.

Die WAA kann nur in Schutzkleidung betreten werden. Beim Verlassen der Anlage passieren die Arbeiter Sensoren, mit denen automatisch Radioaktivität gemessen wird. Wie der Mann mit seiner radioaktiven Fracht daran vorbeigekommen ist, bleibt weiter rätselhaft. Mittlerweile hat der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz Strafanzeige gegen die Leiter der WAA erstattet.

Auch jetzt bleiben Ungereimtheiten. Messungen haben in der Wohnung des Arbeiters eine bis zu 600-fach gegenüber dem Grenzwert erhöhte Alpha-Strahlung durch Plutonium und Americium ergeben. Das lässt sich mit den gefundenen Gegenständen erklären. Die Freundin des Mannes und ihre Tochter ist jedoch mit Cäsium 137 belastet. Dies, so die Staatsanwaltschaft, könne "noch nicht abschließend beurteilt werden". Beide Personen sind am Montag vorläufig festgenommen worden.

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