• Während die Partei-Spitze schweigt, lässt die zweite Reihe Dampf ab und sieht einen "Anschlag auf das Ansehen der SPD"

Politik : Während die Partei-Spitze schweigt, lässt die zweite Reihe Dampf ab und sieht einen "Anschlag auf das Ansehen der SPD"

Tissy Bruns

Hat das Präsidium sich mit dem Buch befasst? "Ja", sagt Franz Müntefering, "es gab eine kurze Anmerkung von mir. Alle waren der Meinung, dass meine Bemerkung stimmt, dass eine weitere Behandlung nicht erforderlich ist." Der designierte SPD-Generalsekretär will "das besagte Buch" noch nicht einmal gelesen haben. "Bis Sonntag 18 Uhr gibt es nichts anderes als Wahlkampf machen", sagt Müntefering mit Blick auf Berlin. Er ist zudem mit den Leitanträgen für den Parteitag im Dezember beschäftigt, die am Donnerstag an den Parteivorstand gehen werden: Einer zur internationalen Politik, einer zur Regierungspolitik. "Wir sind dabei, uns wieder aufzustellen. Da haben Eitelkeiten keinen Platz."

Das Präsidium der SPD hat sich am Montag die Haltung des Parteivorsitzenden zu Eigen gemacht. Die heißt: Wir kommentieren Lafontaines Abrechnung nicht. Außerhalb der SPD-Spitze hat die Sonntags-Veröffentlichung heftige Reaktionen ausgelöst. Als "Anschlag auf das Ansehen der SPD" empfindet Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement Lafontaines Rückblick. Er hält dem ehemaligen SPD-Chef "unglaubliche Selbstgerechtigkeit" vor. Clement weiter: "Ich möchte einer Parteiführung nicht angehören, die ein derartiges Verhalten tolerieren würde."

Der frühere Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, Erhard Eppler, sagte über Lafontaine: "Das ist ein Egomane, ein Egozentriker . . . Dieser Narziss merkt gar nicht, wie er mit der Partei, die ihn groß gemacht hat, umgeht." Ablehnend äußerten sich auch der Hamburger Bürgermeister Ortwin Runde, die Ministerpräsidenten Kurt Beck, Rheinland-Pfalz, und Manfred Stolpe, Brandenburg. "So was tut man nicht", kommentierte der Bremer Bürgermeister Henning Scherf. Er riet jedoch zu einem "produktiven Umgang" mit dem Lafontaine-Buch. Dafür hat auch die ehemalige Juso-Vorsitzende und Bundestagsabgeordnete Andrea Nahles plädiert. Das Buch wirke auf sie "als eine Standortbeschreibung, die ich für glaubwürdig halte".

Der Landesgeschäftsführer der Saar-SPD, Rudi Strumm, hat unterdessen klargestellt, dass Lafontaine entgegen anderslautender Meldungen vom Wochenende nicht Delegierter auf dem SPD-Parteitag in Berlin sein wird. Strumm wies jedoch darauf hin, dass zu den Gepflogenheiten der SPD gehöre, frühere Parteivorsitzende zu Bundesparteitagen einzuladen. Müntefering antwortete auf die Frage, ob Lafontaine denn eingeladen sei: "Einladungen werden in vier Wochen rausgehen. Dann werden wir Ihnen auch auf diese Frage eine schöne Antwort geben."

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