Politik : Wahl in Großbritannien: Tories im Stimmungstief

Nach dem überragenden Sieg der Labour Party hat der britische Regierungschef Tony Blair ein stärkeres Engagement seines Landes in der Europäischen Union angekündigt. Blair sagte, was "Europa und die übrige Welt" betreffe, müsse Großbritannien sich engagieren und seinen Einfluss geltend machen.

Die Partei habe einen "historischen Sieg" errungen, der ein "Mandat für Reformen und Investitionen in die Zukunft" sei. Seine Partei erreichte bei der Unterhauswahl am Donnerstag mit 44 Prozent der Stimmen das beste Ergebnis ihrer Geschichte und die absolute Mehrheit im Parlament. Damit könnte der 48-jährige Blair der erste Labour-Regierungschef werden, der volle zwei Legislaturperioden regiert. Es wurde erwartet, dass er noch am Freitag sein neues Kabinett vorstellen würde, das aber weitgehend unverändert bleiben dürfte. Grafik: Wahl in Großbritannien Die konservativen Tories von William Hague errangen nur 32 Prozent der Stimmen. Hague zog die Konsequenzen aus der klaren Niederlage und kündigte an zurückzutreten, sobald sein Nachfolger gefunden sei. In die Geschichte der Tories wird er nun als erster Parteivorsitzender seit den 20er Jahren eingehen, der nicht den Einzug in die Downing Street schaffte. Als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge des 40-jährigen Hague gilt der finanzpolitische Sprecher der Tories, Michael Portillo.

Die Tories stehen jetzt vor einer langen Durststrecke. "In historischer Hinsicht sind die Ergebnisse furchtbar", beurteilt Tony Travers, Professor an der London School of Economics, das Wahlergebnis. "Wenn die Konservativen nicht aufwachen und erkennen, dass sie etwas unternehmen müssen, steht ihnen in vier Jahren eine weitere Niederlage bevor", betont Travers. Die Tories hat nun das Schicksal der Labour Party ereilt, die vor dem Wahlsieg 1997 ganze 18 Jahre auf der Oppositionsbank saß.

"Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die Konservativen noch eine Weile Oppositionspartei bleiben", ist sich der auf die Tories spezialisierte Politologe Alan Beattie sicher. Der Schock sitzt tief in der Partei, die im vergangenen Jahrhundert jahrzehntelang das Gewaltmonopol innehatte.

Der nächste Ärger deutet sich schon an: Das von Wahlsieger Blair angekündigte Referendum über den Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Währungsunion. Dann wird in der konservativen Partei erneut Streit ausbrechen, der die Kluft zwischen der Euro-skeptischen Mehrheit und einer Euro-freundlichen Minderheit aufzeigen dürfte. Zwischen diesen Fronten hatte sich Hague zerrieben. Wenn Hagues Nachfolger die Partei für sich gewinnen wolle, tue er gut daran, dies erst nach einer möglichen Abstimmung über den Euro zu versuchen, raten deshalb die meisten Politologen.

Der ehemalige EU-Kommissar Leon Brittan, überzeugter Europapolitiker, bezeichnet es als "Riesenfehler" der Tories, im Wahlkampf den Schwerpunkt auf Europa und Asyl gelegt zu haben. Blair dagegen habe es hervorragend verstanden, die Themen der politischen Mitte zu besetzen und Wirtschaftskompetenz zu vermitteln.

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