Wahlbeobachter von der Insel : Ein Date mit dem Überhangsmann

Für Tagesspiegel.de machte er als Gast in Berlin den Kulturcheck: Täglich möglichst viel Berliner Kultur und möglichst viel Berliner Wurst. Jetzt ist Mark Espiner aus London nach Berlin umgezogen - und hat als Erstes mal die Bundestagswahl vergleichend analysiert.

Mark Espiner
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Mark Espiner.Foto: Thilo Rückeis

Er wurde der langweiligste aller Wahlkämpfe genannt. Aber mit dem Enthusiasmus eines Neu-Berliners (wenn auch nicht wahlberechtigt), der vor einem Monat London für diese Stadt eingetauscht hat, weigerte ich mich, dies zu glauben. Das “Superwahljahr” sollte sicherlich spannend werden. Es wird aufgeheizte TV-Duelle geben, dachte ich, Skandale, vielleicht, und feindselige Rhetorik. Als ich aber durch Berlin radelte und die Wahlposter etwas genauer unter die Lupe nahm, sah ich Folgendes:

Auf einem Poster erklärten zwei graue Herren mit starrem Grinsen “Unser Land kann mehr”. Mehr was genau? Der Slogan der CDU war nicht viel besser. “Wir haben die Kraft”, behauptete er. War dies arrogante Angeberei oder die Realisierung, dass sie die “Kraft” nicht viel länger haben werden. Gleich wie, er hörte sich eher nach einem Werbeslogan für Toilettenreiniger an als nach einem inspirierenden Aufruf für Wandel nach Obama-Vorbild.

Dann, an einer Straßenkreuzung, sah ich den Vorstoß der Linken: “Reichtum für alle” verlangte die sozialistische, ex-kommunistische Partei auf der einen Seite, aber als ich die Straße überquert hatte, hatte sie ihre Position in Richtung “Reichtum besteuern” verschoben. Bedeutete das, dass sie uns alle reich haben wollen aber dann teuflisch gerissen besteuern, und somit, ähem, wieder arm?

Die einzige Möglichkeit um dieses Werde-reich-und-dann-schwer-besteuert-Puzzle zu loesen, dachte ich, war, eine Wahlkampfveranstaltung der Linken zu besuchen und mir anzuhören, was sie zu sagen hatten. Passend vom Alexanderplatz umrahmt, wehte eine Menge Leute Fähnchen für einen molligen, glatzköpfigen Mann. Leidenschaftlich feuerte er die Forderung “Mehr Politiker auf die Straße” ins Publikum. Ich muss zugeben, ich bewunderte diese waghalsige Arbeitsplatzschaffungsmaßnahme für seine Politkollegen. In Großbritannien wäre der Aufschrei eher: “Mehr Polizisten auf die Straße”.
  
Dieses öffentliche Engagement verdiente Respekt. Hier auf den Straßen sprachen die Politiker direkt mit den Leuten. Wahlkämpfe funktionieren anders in meiner Heimat. Sie sind geschlossene Veranstaltungen für die Parteitreuen only, damit diese dann wiederum ihre Partei unterstützen. Sie sind nur selten so geplant, dass einfach jeder vorbeikommen kann zum Johlen oder Jubeln, oder, wie jetzt in Mode, zum ironischen “Yeaah!”-Rufen.

Ermutigt von diesem Eindruck der offenen Demokratie, freute ich mich auf den Wahltag. Aber welche Energie auch immer ich am Freitag auf den Straßen fand, schien sich in warme Luft aufgelöst zu haben an einem entspannten, sonnigen Sonntag. Das Wahllokal  und seine Umgebung in Mitte, glich eher dem Saloon einer Geisterstadt. Abgesehen von meiner Begleitperson sah ich keinen anderen Wähler und sie war dem Wahlaufsichtspersonal eins zu vier unterlegen. Wo sind sie alle, dachte ich. Hatten die Wähler den Termin glatt vergessen? Hatte der langweilige Wahlkampf Apathie geschaffen?

Meine deutschen Freunde Hannah und Sebastian hatten mir angeboten, alle interessanten Details der Wahl im Verlauf des Abends zu erklären - sogar die Überhangmandate, die ich als "Date mit Überhangsmann" missverstand. Wir schalteten den Fernseher um 17.45 Uhr an und ich machte mich bereit für eine spannende Nacht. Aber es war so ziemlich alles vorbei um fünf nach sechs. Die äußerst akkuraten Voraussagungen, die jeder als die tatsächlichen Ergebnisse sofort zu akzeptierten schien, kürten die Gewinner und Verlierer. Wo war das Wahldrama? In Großbritannien rollen die Ergebnisse der Wahlbezirke nach und nach an und das Wahlergebnis wird langsam, mit genügend Dramatik versehen, bekannt. Es kann tatsächlich spannendes TV sein, Demokratie in Aktion.

Mit einer Elefantenrunde, die mich keineswegs klüger machte, schweiften meine Gedanken zu der Frage, warum die CDU “CDU” genannt wird. Das muss ein Markenfehler sein, sicherlich? Ich meine, würde ein Muslim für eine Partei stimmen, die sich selbst “Christlich” nennt und deren Kandidatin die Kanzlerin doch aller Deutschen sein will? Was würde in diesem Fall ein Atheist tun?
Was also bekommt ihr? Nun gut, ihr bekommt Angie wieder, natürlich. Manche sagen, die stärkste Frau der Welt. Oder, wie sie von anderen genannt wird, Mutti. Ihr bekommt keinen fairen Mindestlohn. Ihr bekommt Nuklearenergie, aggressivere Außenpolitik, weniger Bürgerrechte, mehr Überwachung und eine Belohnung für die Idioten, die die Finanzkrise verursacht haben. All das, wofür ich Großbritannien verlassen habe. Langweilig? Vielleicht. Deprimierend? Bestimmt.

Aus dem Englischen übersetzt von Claudia Eberlein. Den englischen Originaltext finden Sie hier.

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