Politik : Wahlbörse statt Umfrage

Lena-Maria Schaffer,Gerald Schneider

Berlin - Es ist eine der Eigenheiten der deutschen Politik, dass sie sich kaum moderner Techniken bedient. Das gilt auch für Wahlvorhersagen. So wird typischerweise nach dem Wahltag nur ermittelt, welche Umfrage am wenigsten von den tatsächlichen Wahlresultaten abweicht. Der nachträgliche Vergleich veralteter Stimmungsbilder befriedigt aber kaum.

Wissenschaftliche Prognosen werfen aber den Blick in die Zukunft. Richtige Vorhersagen ermitteln deshalb vor dem Wahltermin, wie die Unterstützung für die Parteien und möglichen Koalitionen aussehen könnte. Dazu bedienen sie sich aller verfügbaren Informationen und errechnen mit statistischen Mitteln, wie sich die Parteienunterstützung bis hin zum Wahltermin entwickelt.

Wir haben den Blick in die Zukunft gewagt. Unsere Berechnungen gehen ebenfalls davon aus, dass die heutige Popularität zum Teil den gestrigen Zuspruch widerspiegelt. Unser Modell berücksichtigt aber auch, dass unvorhergesehene Ereignisse wie Flapsigkeiten bayerischer Ministerpräsidenten die Wahlergebnisse verändern können.

Unsere Analyse bezieht sich auf die „Wahlstreet“ und kommerzielle Umfragen. Ähnliche Untersuchungen haben ergeben, dass Wahlbörsen eine bessere Prognosegüte aufweisen. Dies ist wenig überraschend. Verliert doch ein Händler Geld, wenn er nicht alle relevanten Informationen berücksichtigt. Umfragen sind aber eine ungeeignete Grundlage für Prognosen, weil das von den Meinungsforschungsinstituten gewählte Verfahren von den erhobenen Rohdaten zu einer Prognose nicht sehr transparent und der Schätzfehler recht groß ist. Noch zwei Tage vor der Wahl glänzte ein Meinungsforschungsinstitut mit einer Prognose für die SPD von 32 bis 34 Prozent.

Aufgrund der am 17. September verfügbaren Informationen sagen wir folgende Stimmenverhältnisse voraus: SPD 33,5 Prozent, CDU/CSU 40,4 Prozent, Grüne acht Prozent, FDP 7,3 Prozent und Linkspartei 8,5 Prozent. Wie weit wir daneben liegen, wissen wir am Samstag um 14 Uhr noch nicht. Aber wir sind zuversichtlich, dass wir in Konstanz die Wahlresultate akkurater im Voraus berechnet haben als die Berliner Parteizentralen.

Lena-Maria Schaffer schreibt ihre Diplomarbeit, Gerald Schneider ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Konstanz. Der Artikel wurde vor der Schließung der Wahllokale verfasst.

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