Wahlen im Iran : Der Mut der Isolierten

Ein Land wie ein Topf Suppe – "wenn ein Vogel hineinscheißt, ist das ganze Essen verdorben". Im Iran ist Präsidentschaftswahlkampf, und es fallen deutliche Worte – vor allem gegen Amtsinhaber Ahmadinedschad.

Martin Gehlen[Teheran]
Iran
Gesicht zeigen - oder nicht. Eine Frau versteckt sich hinter einem Bild der Mächtigen. -Foto: imago

Im Foyer gibt es süßen Tee aus Plastikbechern, Helfer verteilen grüne Baumwollschals. Drinnen in der Aula des Jugendkulturzentrums hört Präsidentschaftskandidat Mir-Hossein Mussawi ein paar brave Reden, bis nach etwa einer halben Stunde oben am Pult einem der Kragen platzt. Es ist ein Lehrer, wie alle hier im Saal Lehrer sind, gut 600 sind zu dieser Wahlkampfveranstaltung gekommen.

„Iran ist eine geschlossene Gesellschaft“, donnert der Mann los, und das Publikum ist schlagartig hellwach. „Überall in der Welt gibt es Farben, Blumen und Musik – und was gibt es hier?“, die Zuhörer jubeln, applaudieren. „Man gibt uns weder Brot noch Sicherheit noch Ansehen“, er redet sich in Rage. „Was ist das für ein Land, wo Leute verhaftet werden, wenn sie ihre Meinung sagen?“ Präsident Ahmadinedschad, sagt er noch, habe auf die Verfassung geschworen, „aber er befolgt sie nicht“. Der Mann verlässt das Pult, eine Frau tritt auf. Auch sie kämpferisch keck. Der Iran sei wie ein Topf Suppe – „wenn ein Vogel hineinscheißt, ist das ganze Essen verdorben“, ruft sie in das wiehernde Publikum und preist Mussawi als einen „Mann der Moral und nicht der Ungezogenheiten“.

Der Wahlkampf im Iran hat sich heiß gelaufen, was er gebracht hat, wird der kommende Freitag zeigen, dann wird der neue Präsident gewählt.

475 Bewerber hatten sich gemeldet, darunter 42 Frauen, doch nur vier Kandidaten haben die Prüfung durch den Wächterrat überstanden. Das sind neben Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad: Mir-Hossein Mussawi, der Ministerpräsident war während des achtjährigen Krieges gegen den Irak; Mehdi Karroubi, Reformkleriker und vormaliger Sprecher des Parlaments; und der langjährige Chef der Revolutionären Garden, Mohsen Rezai.

Doch auch wenn damit zwei Reformer und zwei Hardliner zur Wahl stehen, war der Wahlkampf keineswegs ein Doppelduell. Es war der Kampf von dreien gegen einen. Denn auch der konservative Mohsen Rezai, der erst Anfang Mai hastig ein paar Etagen in einem Teheraner Stadtplanungsbüro an der Mirdamad-Straße als Wahlkampfzentrale angemietet hat, will eine zweite Amtszeit von Ahmadinedschad mit aller Macht verhindern. Der habe das Land an den Rand des Ruins gebracht – mit seiner Wirtschafts- und Atompolitik, aber vor allem mit seiner provokanten Außenpolitik, sagt er.

Alle Herausforderer werben damit, dass sie das Verhältnis zu den USA verbessern und Transparenz in dem Nuklearprogramm herstellen wollen. Rezai schlägt eine gemeinsame Uran-Anreicherung auf iranischem Boden vor – zusammen mit den USA, Europa und Russland. Karroubi fordert das Know-how der Atomtechnik für sein Land. Aber „wir sollten alles klar auf den Tisch legen, ganz transparent“, sagt er.

Genauso denkt der moderate Reformer Mussawi, der unter den Gegenkandidaten als einziger die offizielle Rückendeckung des populären Übervaters und ehemaligen Staatspräsidenten Mohammed Chatami genießt. Über der Bühne in der vollen Aula prunkt sein Banner mit dem Spruch „Ein Mann, der seinen Weg gehen will, hat keine Angst vor Höhen und Tiefen“. Vor seiner Rede beamen Helfer verblichene Farbfotos aus der Kriegszeit an die Wand, untermalt von traditioneller persischer Musik im Wechsel mit revolutionären Marschliedern.

Mussawi wirbt mit seinem Nimbus als Verhinderer von Saddam Hussein und als Wirtschaftsmanager, was moderate Konservative anzieht. Jetzt, da das Land erneut am Abgrund steht, so die Botschaft, brauchen wir den bewährten Staatsmann von einst wieder. Doch sein hölzernes Auftreten will so gar nicht passen zu den süffigen Slogans seiner Kampagnenplaner. Als der 68-jährige Politveteran auf die Bühne kommt, holt er aus seiner feinen, flachen Ledertasche ein Manuskript, legt es vor sich auf das Stehpult und beginnt zu lesen. Eingefallene Schultern, nach vorne gebeugte Haltung, er wirkt wie der vortragende Oberbuchhalter des kränkelnden Großunternehmens Iran. Zahlen, Prozentsätze, Statistiken – alles akribisch zusammengetragen, aber kein Feuer im Herzen, kein Siegeswille, nichts Mitreißendes. Ein Satz wie „65 Prozent der Menschen glauben, dass sich das Leben im Iran nicht genießen lässt“ geht ihm genauso eintönig über die Lippen wie diverse Export- und Inflationsziffern. 270 Milliarden Dollar Einnahmen aus den letzten drei Ölboomjahren seien spurlos verschwunden, er fordere Aufklärung, wo das Geld geblieben sei, spricht der gelernte Architekt und Hobbymaler, bevor er das Manuskript zurück in sein Vortragsetui schiebt.

Das war ein so wenig elektrisierender Auftritt, dass Mussawis Wahlkampfmanager Abolfazl Fateh im kleinen Kreis schon mal sagt: „Eine verlorene Wahl ist kein Weltuntergang.“ Fateh ist Chirurg und kam erst vor drei Monaten von London nach Teheran zurück, um Mussawis Kampagne zu leiten. Er weiß, dass der Gegner, dass Ahmadinedschad nicht zu unterschätzen ist. Seit der Einführung des Präsidentenamts 1989 in der Verfassung wurde bisher jeder Amtsinhaber ein zweites Mal wiedergewählt. Auch hat Ahmadinedschad die gesamte Maschinerie des Staatsfernsehens zu seiner Verfügung und versucht, seine Wählerbasis mit staatlichen Geschenken an sich zu binden. Mal gibt es kostenlos Kartoffeln, dann sollten die Armen in den Städten und auf dem Land Schecks in Höhe von 50 oder 100 Dollar bekommen.

Als Propagandawerkstatt für das Regime fungiert auch die dreistöckige Ladenpassage nahe dem Engelab-Platz im Herzen Teherans. Im Untergeschoss riecht es nach frischer Druckerfarbe. Plakate mit Ahmadinedschad kosten umgerechnet fünf Euro und gehen gut. Die meisten Verkäufer tragen schwarze Kleidung und dichte Bärte. In Regalen haben sie Fotos der Ajatollahs Chomeini und Chamenei ausgestellt, Handgranaten aus Plastik und Spardosen in Form von Tellerminen, revolutionäre Stirnbänder im Hunderterpack oder Gebetszähler mit eingebautem Kompass nach Mekka. Durch die Gänge schlendern Revolutionsgardisten auf der Suche nach etwas Passendem. Der Präsident kümmere sich vor allem um die kleinen Leute, sagt der Kleriker Aboss Fakhnaimi, 52, ein freundlicher Mann, der mit einem seiner Söhne hinter dem Ladentisch steht. „Er fährt in die Provinz, fragt die Menschen nach ihren Problemen, reist noch mal hin und prüft, ob die Dinge umgesetzt wurden.“ Kein Präsident zuvor habe so etwas jemals gemacht.

In die Provinz reist auch Mehdi Karroubi. Mit den ersten Sonnenstrahlen ist der Kandidat aus Teheran kommend in der zentraliranischen Wüstenstadt Yazd gelandet, die sich gerne Hauptstadt der Reformer nennt, aber 2005 Ahmadinedschad gewählt hat. Mohammed Chatami stammt von hier. Verschlafen winken im milden Morgenlicht einzelne Bürger dem Wahlkampfbus Karroubis zu, dem ein paar Mopeds mit Iranflaggen und ein musikplärrender Lautsprecherwagen voranfahren. Er dankt von seinem Sitz in der ersten Reihe aus jedem Einzelnen auf der Straße mit einem fliegenden Handkuss.

Wie Ahmadinedschad, weiß auch der 72-jährige schiitische Kleriker Karroubi seine Zuhörer zu packen. Er spricht frei, schaut sein Publikum an, füllt den Raum mit Gesten. Vor vier Jahren wäre er um ein Haar statt Ahmadinedschad in die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen eingezogen. In einem offenen Brief beschuldigte er später einen Sohn von Revolutionsführer Ali Chamenei, ihm durch Manipulationen in der Wahlnacht den Sieg gestohlen zu haben. „Diesmal bleiben wir alle wach“ steht jetzt auf einem Plakat, das die Studenten in der Merkzweckhalle der Universität Yazd zu seiner Begrüßung ausgerollt haben.

Jeder Kandidat hat Auftritte in Hochschulen. Die sind wichtige Stimmungsbarometer, denn hier sind die Massen: 70 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre – und von denen mögen viele auch den amerikanischen Lebensstil: Hollywoodfilme, Internetchats, Popmusik. Karroubi hat in einem Sessel auf der Bühne Platz genommen, zu seinen Füßen sitzen streng getrennt die jungen Männer und Frauen. Die meisten drinnen sind auf Karroubis Seite. Anhänger Ahmadinedschads vertreten sich lieber draußen die Beine. Egal, wen man von ihnen fragt, alle Antworten klingen ähnlich: Ahmadinedschad tue was für die Armen, er lebe persönlich bescheiden und sei nicht korrupt. Und er buckele nicht vor der Weltmeinung, sondern sage dem Westen endlich mal die Wahrheit. „Wir hatten in den letzten Jahren eine gute Außenpolitik“, wagt sich schließlich einer vorne am Mikrofon aus der Deckung. Minutenlanges Hohngeschrei – bis die Halle vibriert. „Lasst ihn ausreden“, besänftigt der Kandidat die Menge. „Wenn Ahmadinedschad nur den Mund aufmacht, fangen wir uns wieder eine UN-Resolution ein. Er hat Dinge gesagt, die unser Land teuer zu stehen kommen und uns immer neue Feinde schaffen.“

Dem Auditorium verspricht er, er werde nie Gewalt gegen Studenten anwenden, und es werde auch „keine Sternchen mehr geben“. Die Zuhörer quittieren dies mit demonstrativ höhnischem Beifall in Richtung Universitätsleitung, die vollständig versammelt auf den Ehrenplätzen sitzt. Denn vor zwei Jahren fanden plötzlich alle Studenten, die politisch aktiv sind, nach den Sommerferien auf den Einschreibelisten Sternchen vor ihrem Namen. Wer einen Stern hat, wurde fortan überwacht, zwei Sterne durften an bestimmten Uni-Veranstaltungen nicht mehr teilnehmen und die mit drei Sternen flogen von der Hochschule. „Diese Machtgierigen machen uns die besten Jahre unseres Lebens kaputt“, ruft ein Student in den Saal, bevor er rasch durch einen Nebenausgang verschwindet. „Ich kann euch nicht ein ideales Land versprechen, ich kann keine Wunder wirken“, beschwört Karroubi sein Publikum, bevor er einen jungen Mann bittet, seine dritte Frage noch einmal zu wiederholen, weil sie ihm entfallen sei.

Da ruft eine Studentin im langen, schwarzen Tschador dazwischen. „Wie sollen wir glauben, dass Sie sich nach der Wahl noch an alle Ihre Versprechen erinnern“, ruft sie, „Sie können ja noch nicht mal drei Fragen behalten.“

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