Politik : Wahrheit und Wahrhaftigkeit

Von Stephan-Andreas Casdorff

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Wie sie uns die Unwahrheit sagen. Oder manchmal eben nicht die ganze Wahrheit. Weil es gerade opportun ist. Oder schlicht vorsichtshalber? Immer wieder ist das so, und dann wundern sie sich, wenn immer weniger ihnen folgen. Ihren Versprechungen nicht glauben. Ihnen, wenn es darauf ankommt, ihre Stimme nicht geben. Sich bei Wahlen verweigern, so dass die Partei der Nichtwähler bald zuverlässig die Mehrheit hat. Politikverdrossenheit ist schon länger nicht mehr das Wort, das es trifft. Politikerverdrossenheit ist es, um das es geht. Morgen noch mehr als heute. Denn irgendwann, vielleicht nicht heute, nicht morgen, aber nach 100 Tagen, wenn der andere Teil der Wahrheit bekannt wird.

Hat sich Matthias Platzeck entschuldigt, dass er nur die halbe Wahrheit gesagt hat? Nein. Er hat so getan, als sei er derselbe wie vor wenigen Monaten. Als habe er sich nichts zuschulden kommen lassen. Es war nur sein Körper, nicht wahr, der ihm gesagt hat, es geht nicht mehr. Dann litt seine Seele daran, dass sein Körper nicht hielt, was er versprochen hatte, und nun hat er die Konsequenz gezogen. Wie er es tat, sollen ihm die geneigten Zuschauer zugute halten.

Ja, weil er sympathisch daherkommt, könnte es Platzeck bei einer Mehrheit auch gelingen, dieses Gefühl hervorzurufen, dass man ihm doch nicht böse sein kann, wenn er seine Grenzen zieht, seine Begrenzung sieht und folgerichtig handelt. Eben gerade noch rechtzeitig, ehe es schlimmer wird. So weit, so gut, so richtig. Wenn da nur nicht vorher das andere gewesen wäre: eine Vertuschung.

Doch, da war was. Seine Sprecher und er sagten Winterurlaub, als Platzeck den ersten Hörsturz hatte. Sie sagten Grippe, als ihn ein Nervenzusammenbruch umwarf. Es wurde – auch von ihm, nicht nur von seinen Sprechern – bewusst die Unwahrheit verbreitet. Sicherlich auf der einen Seite, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, frei nach Morgenstern gesprochen. Er durfte nicht krank sein, er konnte doch die Partei nicht schwächen.

Und dennoch, wenn er ehrlich ist, hatte er vorher gerade mit diesem Image geworben: dass er einen neuen Stil in die Politik bringen würde, kommunikativ, offen, nichts versteckend von dem, was ihn als Menschen und als Politiker ausmacht. Das war eine Art neues, modernes, postschröderianisches Versprechen. An die Wähler und die Partei.

Und was macht Platzeck jetzt? Er gibt wieder eine Art Versprechen. Er sagt, dass er sein Amt als Ministerpräsident ausfüllen kann, mit ganzer Kraft, bis 2014. Auch nach dieser Enthüllung. Mit der Kraft, die er gerade nicht mehr zu haben behauptete. Platzeck denkt, dass er sein Vorsitzendenamt in Brandenburg behalten kann, ohne dass einer noch Fragen an ihn stellte. So sagt er es nur nicht. Er muss der Ansicht sein, dass nichts ihn geschwächt, sondern das, was gestern war, ihn nur gestärkt hat.

Ob er wohl denkt, dass das glaubhaft ist? Hat Platzeck nicht gesagt, dass er nun alles tun wird, um wieder zu gesunden? Jetzt sollen neun Tage ausreichen – nach diesem Blick aufs Krankenblatt. Er hat gesagt, dass er seine Kräfte wohl überschätzt habe. Er hätte auch sagen können: Ich habe mich überschätzt, ihr habt mich überschätzt. Und ich habe die Lage falsch eingeschätzt. Ich habe einen Fehler gemacht, als ich zusagte, weil ich dachte, ich müsste, ich sollte, ich könnte das Amt des SPD-Parteivorsitzenden übernehmen. Das war ein Fehler. Wenn er das gesagt hätte, dann wäre das ganz ehrlich gewesen.

Nun haben drei verloren: Die SPD verliert an Wählergunst, weil sie Platzeck an die Spitze gestellt und ihn verloren hat, Platzeck hat verloren, und der Wähler verliert an Vertrauen in die Aufrichtigkeit von Politikern. Reserviertheit wird bleiben. Keiner muss alles sagen, aber alles, was er sagt, muss wahr sein; das nennt man die Tugend der Wahrhaftigkeit. Aber welcher Politiker ist schon Aristoteles.

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