Politik : Waldsterben – die meisten deutschen Eichen sind krank

Johannes Radke

Berlin - Ein Bericht und zwei Interpretationen, die kaum gegensätzlicher sein könnten. Die Meinungen von Umweltschützern und der Bundesregierung im Bezug auf das Waldsterben gehen weit auseinander. Von einer „leichten Erholung für den deutschen Wald“ spricht das Agrarministerium im jetzt veröffentlichten Waldzustandsbericht 2007.

Der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger, warf der Bundesregierung daraufhin am Mittwoch eine „Tendenz zur Verharmlosung“ vor. Der BUND hat die gleichen Daten völlig anders interpretiert. Er kommt zu dem Ergebnis, dass der Zustand der Wälder sich „dramatisch verschlechtert“ habe. Neben Nadelbäumen würden nun auch die Laubbäume verstärkt unter den Umweltbelastungen leiden. 86 Prozent der Eichen und 85 Prozent der Buchen sollen geschädigt sein. Das „Grundgerüst des deutschen Waldes“ sei damit in Gefahr.

Nur in einem sind sich das Ministerium und der BUND einig: Rund ein Viertel aller deutschen Bäume ist schwer geschädigt, zwei von drei Bäumen sind krank. Aber im Bericht von Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) werden als Hauptursachen der Waldschäden der Klimawandel und der vermehrte Insekten- und Pilzbefall angegeben. Der BUND sieht die größte Gefahr jedoch in der Landwirtschaft, Massentierhaltung und Autoabgasen. Durch die entstehenden Stickstoffe werde der Waldboden überdüngt. Das könnte auf lange Sicht auch negative Auswirkungen auf das Trinkwasser haben. „Im Waldboden tickt eine Zeitbombe“, warnte Weiger. Der Insektenbefall sei lediglich eine Folge der bereits entstandenen Schäden. Er forderte die Bundesregierung zu einer „waldverträglichen Agrar-, Verkehrs- und Energiepolitik“ auf. Das Waldsterben sei nach wie vor „eines der größten ungelösten Umweltprobleme unserer Zeit“. Als erste Maßnahme müsse der Lkw-Verkehr auf die Schiene verlagert und die industrielle Massentierhaltung beendet werden. „Der Wald ist kein Luxus, sondern unser ökologisches Grundkapital“, sagte BUND-Waldexperte Helmut Klein.

Zunächst hatte das Landwirtschaftsministerium im November des vergangenen Jahres angekündigt nur noch alle vier Jahre einen offiziellen Waldschadensbericht zu erstellen. Daraufhin begann der BUND auf eigene Faust einen Bericht aus den Gutachten der einzelnen Bundesländer zusammenzustellen. Dass das Landwirtschaftsministerium einen Tag vor der BUND-Pressekonferenz doch noch einen eigenen Bericht auf seiner Webseite veröffentlicht hat, sieht die Umweltorganisation als Erfolg ihrer Arbeit an. Der BUND-Vorsitzende wiederholte seine Forderung an Seehofer, an den jährlichen Schadensberichten festzuhalten.

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