Politik : Wandel der Geschichte

Von Hermann Rudolph

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Das FestSymposion, das die CDU heute im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums in Berlin zelebriert, wird öffentlich belegen, was auf Parteiveranstaltungen längst per Akklamation demonstriert wird und überall auch in den Würdigungen zu seinem 75.Geburtstag zu lesen war: Helmut Kohl ist zurück in der Mitte der CDU. Die dramatische Trennungsaffäre vom Parteipatriarchen, die die CDU erschütterte, ist für sie Geschichte geworden. Die Partei hat ihren Frieden mit ihm gemacht und damit auch ein bisschen mit sich selbst. Aber die Zustimmung, die ihm zuteil wird, von den ergrauten Zeitgenossen der Ära Kohl bis zur Parteijugend, die „Helmut Kohl – unser Idol“ skandiert, enthebt nicht von der Frage, als was er zurückkehrt. Als Denkmal, das mit der Erinnerung an ihre großen Zeiten die Gemüter der CDU-Mitglieder erwärmt? Oder als ein steinerner Gast, bereit dazu, von seinem Sockel wieder herabzusteigen in das Getümmel in seiner Partei?

Große, Epoche machende Gestalten können ja ihren Erben durchaus Probleme bereiten. In der Geschichte der Bundesrepublik bieten vor allem Adenauer, aber auch Brandt dafür Beispiele. Ihr politisches Gewicht blieb auch nach ihrem Abschied von der aktiven Politik relevant und beeinflusste das Kräftefeld, in dem ihre Parteien ihren Weg suchten. Dafür mussten sie gar nicht aktiv eingreifen. Es genügte, dass sie da waren – Bastionen der Autorität, Verkörperungen einer Aura, die manche jungen Parteiführer ziemlich alt aussehen ließ.

Kohls Wiederauferstehung ist insofern zumindest ein heikles Datum in der Geschichte der Nach-Kohl-CDU. Denn keiner hat – nach Adenauer, ja, neben ihm – so wie er die CDU geprägt. Keiner hat das Leben dieser Partei so durchdrungen wie er mit dem von ihm aufgebauten Abhängigkeits-Wurzelwerk, der Familiarität seiner Botschaften, dem Umgang mit dem Gefühlshaushalt der Partei. Dass er in der CDU wieder seine Rolle spielt, wirft die Frage auf, wer den Platz einnehmen kann, den er einst ausgefüllt hat. Er und Angela Merkel mögen sich klar darüber sein, dass der Preis dafür seine Zurückhaltung in der aktuellen Politik ist. Aber wird das gut gehen – bei einem nach wie vor aktionslüsternen Mann wie Kohl und bei einer Führung, die der Partei jene Wärme- und Identitäts-Dosen schuldig bleibt, die Kohls Wirkung ausmachten?

Der Ausgang der Probe darauf, ob es mit Kohl in der Nach-Kohl-Partei geht, hat nicht einmal so sehr mit dem Altkanzler zu tun, der nun einmal ist, wie er ist, als vielmehr mit dem Zustand der Partei. Sie steht nach der Papierform, also nach Umfragen und Wahlchancen, so gut da wie kaum je zuvor, und wenn sie in sechs Wochen die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen gewänne, legte sich die Macht ihrer Ministerpräsidenten wie eine Garotte um den Hals der Bundesregierung. Aber es ist offenkundig, dass sie in der Nach-Kohl-Ära noch keineswegs einen festen Stand gefunden hat, weder politisch noch intellektuell und schon gar nicht als die merkwürdige Art von Lebewesen, das eine Partei ist. Die CDU mag kalkulieren, dass Kohls Auftritte gut für die Traditionspflege sind, und insofern mag man darin sogar eine Vollendung des Vatermords sehen, mit dem Angela Merkel ihren Aufstieg zur Parteispitze begann. Und sie mag Recht damit haben. Aber das ändert nichts daran, dass Kohls Rückkehr auf die Parteibühne nicht zuletzt beleuchtet, in welcher dürftigen Verfassung sich die alte Volkspartei noch immer befindet.

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