Politik : Was bleibt, ist Zuversicht

Thomas Kröter

Sie habe, berichtet Charlotte Kiep, "nur gelacht". Ein sehr fröhliches Lachen wird es kaum gewesen sein, denn es galt einem halben Dutzend Polizisten, die zu vormittäglicher Stunde Einlass in die Villa begehrten, die Charlotte Kiep gemeinsam mit ihrem Mann in der hessischen Besserverdienenden-Kleinstadt Kronberg bewohnt. Aber dann empört sie sich eben doch: "Eine Unverschämtheit, einen unbescholtenen Bürger so durch den Schmutz zu ziehen." Der Bürger, ihr Mann, trägt die ungewöhnlichen Vornamen Walther Leisler und zählte in seinen aktiveren Zeiten gemeinsam mit Richard von Weizsäcker zu den Vorzeige-Figuren jener informellen politischen Vereinigung, die unter dem Namen "liberaler Flügel der CDU" firmierte.

Sohn eines Bankiers, weltläufiger Manager, unabhängiger Geist - einer, der es ziemlich weit gebracht hat in der Politik; aber eben wegen dieser äußeren wie inneren Unabhängigkeit keiner, der die Chance oder den unbändigen Willen gehabt hätte, wirklich die erste Reihe zu erreichen. Als Dinosaurier der aussterbenden Gattung "Herr" hat er schon vor Jahren gegolten, jetzt galt ihm ein Haftbefehl, den die Beamten im Taunus vollstrecken wollten.

Eine abenteuerliche Geschichte, die dem mittlerweile 73-Jährigen da aus der Ära seines größten politischen Einflusses ins Rentnerleben schwappt. Alle Ingredienzen für einen ordentlichen Krimi sind vorhanden: Finstere Geschäfte, halbseidene und prominente Hauptfiguren und eine tolle Story. Der Plot: 1991 soll der Waffenhändler Karl-Heinz Schreiber zehn Millionen Mark an Schmiergeldern für die Einfädelung eines Waffendeals gezahlt haben. Um Panzer ging es, für Saudi Arabien. Schreiber sitzt inzwischen in kanadischer Haft. Der Hauptempfänger des Geldes ist unauffindbar: Holger Pfahls, einst Chef des Verfassungsschutzes, dann Rüstungsstaatssekretär im Verteidigungsministerium. Kennzeichen: weißer Daimler als Dienstwagen. Der eine war Büroleiter bei, der andere befreundet mit einer der schillerndsten politischen Persönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte: Franz Josef Strauß, CSU-Übervater, Verteidigungsminister, Rüstungslobbyist, Einfädler vieler politischer wie ökonomischer Geschäfte.

In der Union verkörperte Strauß seinerzeit den anderen, den konservativen Flügel. Kiep und Strauß - viel weiter auseinander konnten zwei in einer Partei nicht sein. Die alte Geschichte lässt sie zusammenrücken, denn auch Kiep soll damals eine Million erhalten haben. "Eine unglaubliche Geschichte", findet der hochaufgeschossene Mann mit dem inzwischen leicht gebeugten Gang. Als die Polizei zu ihm nach Hause kam, war er in Stuttgart, wo er am Abend eine Lesung aus seinen Memoiren zu absolvieren hatte. Beziehungsvoller Titel: "Was bleibt, ist Zuversicht". Wie die zuständigen Justizbehörden inzwischen zugeben, bleiben wohl auch die guten Argumente der Beschuldigten: Kiep kann offenbar Dokumente vorweisen, dass die Million nicht für ihn bestimmt war, sondern für eine jener "Waschanlagen", durch die seinerzeit Spenden an die Parteien unauffällig weitergeleitet wurden.

Damit ist es dann doch keine fremde, sondern die eigene Geschichte, die den Politiker mit dem Gentleman-Image einholt. Walther Leisler Kiep bekleidete von 1971 bis 1992 das Amt des Schatzmeisters der CDU. Dazu gehörten jene wilden Jahre, von denen ein damaliger Kollege sagte, man stehe mit einem Bein im Gefängnis. Der Mann, der hessische FDP-Schatzmeister Heinz-Herbert Karry wurde später erschossen. Ein bis heute ungeklärter Fall. Otto Graf Lambsdorff, liberaler Kassenwart auf Bundesebene, musste nur den Posten des Wirtschaftsministers aufgeben, als er wegen illegaler Spendenpraktiken verurteilt wurde. Kiep war Hauptfigur des letzten der Parteispenden-Prozesse, die schließlich zu einer Gesetzesänderung führten. 1991 bekam er eine Geldstrafe von 675 000 Mark. Doch der Bundesgerichtshof hob die Entscheidung wegen Rechts- und Verfahrensmängeln wieder auf. Die Weste blieb juristisch weiß, auch wenn der Anzug keines Parteischatzmeisters damals ohne Flecken geblieben war.

Seinem Ruf hat das bis heute nicht geschadet. Gern wurde sein Rat gehört. Zwar hat Kiep es außer zum Schatzmeister "nur" zum niedersächsischen Finanzminister gebracht, beim Versuch, gegen den sozialdemokratischen Edelmann Klaus von Dohnanyi Hamburger Bürgermeister zu werden, ist er gescheitert. Aber seine Leidenschaft galt stets der Außenpolitik, besonders den deutsch-amerikanischen Beziehungen. Seit Jahren ist er der Spiritus rector der Atlantik-Brücke. In Berlin war es gerade aufgefallen, dass Gerhard Schröder sich nicht nehmen ließ, Kieps Lebenserinnerungen vorzustellen. Man kennt sich aus Niedersachsen, der Kanzler gehört zu den Ratnehmern Kieps. Man scherzte bei der prominent besetzten Veranstaltung eifrig über Parteifreunde, bei denen man keine Feinde mehr brauche, und so mancher sah in der netten Promotion-Geste auch ein politisches Signal, zumal in diese Phase auch die Berufung des Liberalen Lambsdorff zum Beauftragten für die Zwangsarbeiter-Entschädigung fiel. Kiep werde außenpolitischer Berater, hieß es. Das Presseamt des Kanzlers dementierte; jetzt - der Chef weilt auf außenwirtschaftspolitischer Mission in China - wird das Dementi in aller Kühle bekräftigt. Schröder profitiere in Gesprächen von Kieps Erfahrungen, wie von denen anderer Gesprächspartner auch, hieß es offiziell. Da war die Meldung von den entlastenden Akten noch nicht in den Redaktionscomputern. Walther Leisler Kiep, gegen Kaution und mit Auflagen auf freiem Fuß, wird sich ein Schmunzeln nicht verkneifen können.

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