Was droht Israel? : Zu Besuch an den brisantesten Grenzen

Jeden Moment könnte die nächste Rakete einschlagen. Jeden Moment könnte es vorbei sein. Deshalb sind Israelis immer auf der Hut – und so bedacht auf ihre eigene Sicherheit. Wo die Gefahr sichtbar wird.

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Allein durch den Sand. Ein Soldat nahe des Gazastreifens.
Allein durch den Sand. Ein Soldat nahe des Gazastreifens.Foto: AFP

Giftgrüne Miniautos stehen bereit und zum Ausruhen bunte Stühlchen. Darüber hängen Luftballons von gelben und himmelblauen Wänden. Wer Lust hat, kann auf einer Hüpfburg springen wie ein Flummi oder die Rutsche hinuntersausen. Es sieht aus wie ein Paradies für Kinder. Nur hat das Paradies keine Fenster, kein Tageslicht. Denn jeden Moment könnte der Alarm losgehen und die nächste Rakete ankündigen.

15 Sekunden haben die kleinen und großen Einwohner der Stadt Sderot dann Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. 15 Sekunden, die über Leben und Tod entscheiden können. Deshalb üben alle regelmäßig, wie sie sich in 15 Sekunden am schnellsten und klügsten anstellen, wie sie Unterschlupf finden. Jedes Wohnhaus hier hat einen raketensicheren Schutzraum, jede Bushaltestelle, jede Schule, jeder Kindergarten. „Es gibt keine Stelle in dieser Stadt, in der noch keine Rakete eingeschlagen ist“, sagt Kobi Harush. Und der muss es wissen.

Harush leitet den Sicherheitsdienst in Sderot, dieser Stadt im Süden Israels, die vor allem dadurch bekannt ist, dass sie an den Gazastreifen grenzt. Hier wird die latente Bedrohung und die Angst eines ganzen Landes konkret sichtbar. Kaum einen Kilometer ist Gaza entfernt. Auf einem Hügel am Stadtrand hat man die beste Aussicht auf die Häuser der nahen fremden Welt, zum Zaun und zur Grenzstraße, auf der hin und wieder ein Militärfahrzeug patrouilliert. Sderot ist das nächste und einfachste Ziel für die Raketen- und Granatenangriffe aus dem Palästinensergebiet. 8600 davon hat Harush nach eigenen Angaben in den zurückliegenden zwölf Jahren in und um seine Stadt gezählt.

Einige Geschosse hat er im Hof seiner Polizeistation gelagert. Ein Haufen Schrott hinter Glas, auf das die Sonne brennt. Größtenteils sind es simpelste Teile, die wie verrostete Rohre aussehen – nicht zu vergleichen mit denen, die in die andere Richtung fliegen, aber ähnlich gefährlich. „Man weiß nie, wann es wieder losgeht, in drei Minuten oder drei Monaten“, sagt Harush. Das ist auch der Grund, warum die meisten Kinder in der Stadt nie gelernt haben, Fahrrad zu fahren oder Fußball zu spielen: Die Eltern haben Angst, dass sie es nicht rechtzeitig bis zum nächsten Schutzraum schaffen. 15 Sekunden sind nicht viel.

Wer kann, der flieht von diesem Ort

So spielt sich das Leben in Sderot weitestgehend hinter dicken Wänden ab. Die Stadt wirkt äußerlich verwaist, kaum jemand ist auf der Straße. Gegen 14 Uhr spuckt der Schulbus ein paar Kinder aus, die auf schnellstem Weg nach Hause gehen. Und dann sind an diesem Nachmittag im Juni noch ein paar junge Frauen und Männer unterwegs, den Rucksack geschultert, bereit für den nächsten Einsatz. In der Armee sind sie, genau wie Kobi Harushs Sohn. Auch bei seiner Tochter, die noch zur Schule geht, wird es irgendwann so weit sein.

Er lässt es sich nicht anmerken. Das würde auch nicht zu dem groß gewachsenen Mann mit dem kurz geschorenen dunklen Haar und dem harten Gesicht passen. Wenn andere sich in die Bunker begeben, weil die Sirene wieder losheult, dann gebietet es sein Job, dass er hinausgeht, dass er der Gefahr begegnet. Aber bei Kobi Harushs Erzählungen über Freunde wird sie deutlich, die Sorge um die anderen, auch um seine eigene Familie. „Oft kann eine Mutter nicht alle ihre Kinder retten in den 15 Sekunden“, sagt der 54-Jährige. „Sie muss sich dann entscheiden, welche sie zurücklässt.“ Das sei ein Teil des Lebens ganz nah an der Grenze.

Wer kann, der flieht. Ein Viertel der Bewohner hat Sderot verlassen. Geblieben sind etwa 20 000 Menschen, die es sich bislang nicht leisten konnten wegzuziehen. Sie leben nicht nur mit den vielen Bildern und Erinnerungen, sondern auch mit der täglichen Panik. Zwei Drittel aller Kinder der Stadt befinden sich Kobi Harush zufolge in therapeutischer Behandlung. Deswegen gibt es auch die ummauerte Einrichtung mit der Hüpfburg und den grünen Miniautos. Die Kleinen sollen für einen Moment vergessen können und Abwechslung finden. In dem Kinderparadies mitten in der Hölle.

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