Politik : Was kostet der Frieden?

Nordkorea stimmt das Volk auf Krieg gegen die USA ein. Experten sagen: Eigentlich will Pjöngjang verhandeln

Ruth Ciesinger

Niemand weiß, ob das Regime in Pjöngjang noch rationale Entscheidungen trifft. Das kommunistische Nordkorea hat seine Bevölkerung dazu aufgefordert, sich für einen Krieg gegen die USA zu wappnen. Amerika könnte das Land jederzeit angreifen, verbreitet das Außenministerium in Pjöngjang. Offenbar bezieht man sich auf das alljährliche amerikanisch-südkoreanische Manöver, das im März stattfinden soll. Ob die Führung des Landes tatsächlich glaubt, gegen die einzig verbliebene Supermacht bestehen zu können, oder ob man die Schraube der Provokation im Streit um das nordkoreanische Atomprogramm nur noch etwas weiterdreht, um letztlich wieder mit den USA zu verhandeln – dies können weder Politiker noch Experten sagen. Das Problem: Pjöngjang weiß um diese Unsicherheit.

Klar ist aber auch, dass der Aufruf zur Mobilisierung in dem totalitären Staat etwas anders zu gewichten ist als in einem demokratischen Land. Kampagnen und Morgenappelle stehen in Nordkorea auf der Tagesordnung, einmal im Monat wird jeder der 25 Millionen Einwohner einen Tag lang einer ideologischen Schulung unterzogen. Ziel des Regimes könnte es also auch sein, seine notleidende Bevölkerung mit propagandistischen Mitteln bei der Stange zu halten. Dennoch ist das nordkoreanische Drohpotenzial enorm.

Zwischen 1,1 und 1,2 Millionen Menschen stehen in der Volksarmee unter Waffen. Zwar dürfte nach Ansicht von Experten aufgrund von Benzinmangel und fehlenden Ersatzteilen ein großer Teil der Panzer und Flugzeuge nicht einsatzbereit sein. Dennoch gibt es zwei reale Bedrohungsszenarien, sagt Hanns Günther Hilpert von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Zum einen seien das die Raketenwerfer, die Nordkorea sowohl an der Grenze zu Südkorea als auch im Gebirge in Richtung Japan stationiert hat. Die Truppen dort gelten als regimetreu. Falls sie den Befehl bekommen, könnten sie mit ihren Raketen „Seoul in Schutt und Asche legen“, sagt Hilpert. In Japan könnte Nordkorea mit seinen Raketen Atomkraftwerke unter Beschuss nehmen. Die Frage nach Nuklearwaffen, die Nordkorea nach Ansicht der Bush-Regierung bereits besitzt, müsse also gar nicht gestellt werden, argumentiert Hilpert. Über die Raketenwerfer hinaus verfügt Pjöngjang außerdem über eine Spezial-Einsatztruppe von etwa 100 000 Mann, die mit U-Booten und niedrig fliegenden Flugzeugen kurzfristig nach Südkorea eindringen könnten.

Im Prinzip aber verfolgt Nordkorea ein anderes Ziel: So erstaunlich das klinge, man wolle eigentlich mit den Amerikanern verhandeln, sagt Hilpert. Dabei gehe es um wirtschaftliche Hilfen, internationale Anerkennung und um einen Nichtangriffspakt. Unter anderem verspricht sich Pjöngjang davon, mit Japan eine Art Friedensvertrag schließen zu können. Daraus könnten sich dann Reparationszahlungen aus dem Zweiten Weltkrieg für das wirtschaftlich schwer angeschlagene Land ergeben.

Dass sich die Amerikaner aber auf bilaterale Verhandlungen mit den Nordkoreanern einlassen werden, erscheint mehr als unwahrscheinlich. US-Präsident George W. Bush hat schon vor einiger Zeit seine persönliche „Abscheu“ gegen den Diktator Kim Jong Il kundgetan. Und US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat zumindest klargemacht, er halte solche Gespräche für „nicht sinnvoll“. Die nordkoreanische Regierung wolle sich nur für die Aufgabe ihres Nuklearprogramms bezahlen lassen. Er wolle dafür „keinen Preis zahlen“. Die Frage ist, ob Nordkorea dann bei seinen Provokationen irgendwann die Schraube überdreht.

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