Was Migranten über Migrationspolitik denken : Integriert sind sie selber

Migranten besuchen gern Sprachkurse, die in Deutschland freuen sich sogar über passende Jobs. Aber sie wünschen sich mehr Sichtbarkeit - und mehr aus ihren Reihen in der Politik

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Migranten begrüßen Sprach- und Integrationskurse, nicht nur in Deutschland Foto: dpa
Migranten begrüßen Sprach- und Integrationskurse, nicht nur in DeutschlandFoto: dpa

In Deutschland finden Einwanderer besonders oft in Berufen Beschäftigung, die ihrer Qualifikation entsprechen. Während in anderen europäischen Ländern zwei Drittel bis drei Viertel sagten, ihre Arbeit passe zu dem, was sie könnten und gelernt hätten, sagten dies hier 85 Prozent, fand der „Immigrant Citizens Survey“ heraus.
Für die Studie wurden knapp 7500 zufällig ausgewählte Einwanderer der ersten Generation aus Nicht-EU-Ländern in 15 Städten befragt. In Deutschland wurden Berlin und Stuttgart ausgewählt, Antwerpen, Brüssel und Lüttich in Belgien, zudem Lyon, Paris, Budapest, Mailand, Neapel, Barcelona, Madrid und in Portugal Faro, Lissabon und Setubal. Man habe eine Mischung aus alten und neuen Einwanderungsländern gewollt, erläuterte Jan Niessen von der „Migration Policy Group“. Deutschland wurde dabei zu den alten gezählt. „57 Jahre sind alt“, sagte Niessen unter Verweis auf den Beginn der Masseneinwanderung seit dem ersten Anwerbevertrag mit Italien 1955.
Niessens Institut war zusammen mit der belgischen König-Badouin-Stiftung Autorin des „Immigrant Citizens Survey“; den deutschen Teil übernahm die Forschungsabteilung des „Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration“ (SVR). Die SVR-Forscher warnen allerdings: Nicht nur sei die Arbeitslosigkeit Eingewanderter mehr als doppelt so hoch wie die von Deutschen. Auffällig sei auch, dass Höhergebildete häufiger Probleme mit der Anerkennung ihrer Qualifikation angaben. SVR-Geschäftsführerin Gunilla Fincke appellierte an die Länder, endlich das Gesetz zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse umzusetzen.

Wie die Umfrage auch zeigte, schätzen Einwanderer zudem Sprach- und Integrationskurse, die ihnen in Europa angeboten werden, sehr. Vor allem die Vermittlung von Sprachkenntnissen erhielt von ihnen Werte von mehr als 90 Prozent. Dabei sollte allerdings die Didaktik der Kurse verbessert werden, sagte Fincke . Dass wenig vorgebildete Einwanderer am unzufriedensten waren, zeige, dass sie besondere Angebote benötigten. „Teilnehmer eines Kurses sollten möglichst die gleichen Voraussetzungen haben.“

Ein weiteres Ergebnis für Deutschland: Trotz hoher Bereitschaft, sich in Sprache und Kultur einzuleben – selbst Sprachtests finden 96,7 Prozent der Neueinwanderer gut – ist das Interesse am deutschen Pass weiter lahm: Nur 22,6 Prozent der befragten Stuttgarter Migranten und 24,4 der Berliner wollen ihn, trotz Einbürgerungskampagnen in beiden Städten. Deutschland nämlich, das die doppelte Staatsbürgerschaft längst bei der Hälfte der Neubürger hinnehmen muss, wehrt sich noch immer mit am striktesten in Europa gegen sie. Für 70 Prozent der befragten Türken war das die größte Hürde.


Sowohl Fincke wie auch Niessen appellierten an Europas Politiker, die durchweg hohe Integrationsbereitschaft der Einwanderer durch eigene Offenheit zu honorieren.Die wünschen sich nämlich unter anderem auch mehr eigene Leute in Politik und Verwaltung, weil sie sich von ihnen besser verstanden fühlten und weil sie wollten, dass Migranten sichtbarer würden. Da sollte, sagt Niessen, die Politik „endlich tun, was sie predigt“.
Zumal die nächsten Generationen weiter aufholen: Die Quoten der Hauptschul- und mittleren Schulabschlüsse von Schülern mit und ohne Migrationshintergrund habe sich zwischen 2005 und 2010 kontinuierlich angenähert, sagte die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer (CDU), als sie am Mittwoch den 9. sogenannten „Ausländerbericht“ vorstellte. Mit jetzt 33,5 Prozent ist die von Migranten allerdings immer noch nur halb so hoch wie die von nichtmigrantischen Gleichaltrigen (65,4 Prozent). mit epd

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