Politik : Was wurde aus Christoph Hein?

Katja Winckler

Im Zuge der Wende in der DDR standen sie vor zehn Jahren plötzlich im Rampenlicht. Fast täglich sah man sie in den Zeitungen und im Fernsehen. Viele von ihnen kennt inzwischen kaum noch jemand. Sie haben sich ins Private zurückgezogen, machen Politik in der zweiten Reihe oder sind in ihre alten Berufe zurückgekehrt. Der Tagesspiegel stellt täglich ein "Gesicht der Wende" vor und sagt, was aus den Akteuren von damals geworden ist.

Er hat sich immer zu Wort gemeldet, wenn es drängte - nicht nur mit seinen Büchern. Seit 1998 ist der 55-jährige Schriftsteller Christoph Hein Präsident des wiedervereinigten Schriftstellervereins PEN. Hein schreibt Prosa, Erzählungen und Theaterstücke. Damals, am 4. November 1989, war er bei der Demonstration der Kulturschaffenden auf dem Alexanderplatz zu seinen Kollegen Christa Wolf und Stefan Heym aufs Rednerpodest gestiegen. Dort forderte er "einen Sozialismus, der dieses Wort nicht zu einer Karikatur macht". Später gab er zu, dass er sich eigentlich schon sehr viel früher von dieser Hoffnung verabschiedet hatte.

Die Wendetage waren bei Hein ausgefüllt mit Interviews, Reden und Sitzungen in der unabhängigen Kommission zur Untersuchung der Polizeigewalt bei dem Ostberliner Antidemonstranten-Einsatz vom 7./8. Oktober. "Fürchterlich müde" sei er damals gewesen. "In diesen Tagen redete ich ja täglich mindestens dreimal irgendwo. Immer mit dem Gefühl, dass absolut unklar ist, wie es weitergeht." 1990 wurde Hein Mitglied der Westberliner Akademie der Künste, 1992 Mitherausgeber der Wochenzeitung "Freitag" sowie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.

Mit dem Schreiben hatte der im schlesischen Heinzendorf geborene Pfarrerssohn 1977 begonnen. Seine Kindheit verlebte er in Bad Düben bei Leipzig. Nach dem Abitur arbeitete er als Montagearbeiter, Buchhändler, Kellner, Journalist, Schauspieler, Regieassistent und nach seinem Studium als Dramaturg. Mit der Novelle "Drachenblut" (DDR-Titel: "Der fremde Freund", 1982), eines der im Westen meistrezensierten DDR-Bücher, wurde Hein bekannt. Danach entstanden unter anderem "Der Tangospieler" und "Horns Ende". Obwohl seine Werke in der DDR nie verboten waren, mangelte es ihnen nie an kritischer Deutlichkeit. Heute sei für ihn ein parteipolitisches Engagement völlig ausgeschlossen, sagt Hein. Viel sinnvoller erscheine ihm seine derzeitige PEN-Tätigkeit. In die Zukunft blickt er indes skeptisch: "Es beunruhigt mich, dass in der Öffentlichkeit so ein großes Desinteresse an Politik besteht."

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