Politik : Wechsel im Weißen Haus: Ein großer Schritt zur Anerkennung

Malte Lehming

In der amerikanischen Geschichte hat es erstaunlich viele Linkshänder unter den Präsidenten gegeben - der Letzte, Bill Clinton, war ebenfalls einer. Sein Nachfolger, George W. Bush, ist zwar Rechtshänder, dafür aber hat er zwei linke Füße. Denn tanzen kann der 43. Präsident der Vereinigten Staaten wirklich nicht. Und das weiß er auch. Es ist Sonnabend, kurz nach 22 Uhr: Bush taucht mit seiner Frau Laura beim Texas-Wyoming-Ball in Washington auf. Es ist einer von acht überfüllten Bällen zur Amtseinführung. Normalerweise geht Bush um diese Zeit ins Bett.

Doch an diesem Tag muss er durchhalten. Das neue Amt bringt das mit sich. Aufgestanden um sechs Uhr morgens, kurzes Frühstück, Gottesdienst, Weißes Haus, Amtseinführung, Parade - der Tag steckt beiden in den Knochen. In diesem Moment kämpft sich das Paar durch die Menge bis nach vorne auf die Bühne. Tausende Hände werden an diesem Tag geschüttelt, Hunderte Menschen werden umarmt. Jetzt endlich scheint alles vorbei zu sein. Erst jetzt, zweieinhalb Monate nach der Abstimmung in den Wahlkabinen, darf der Sieger feiern. Bush ist spürbar stolz und erleichtert.

Nur eines nagt an ihm. Seine kurze Rede an die Ball-Besucher beendet er deshalb mit der Warnung: "Ich werde kürzer tanzen als 30 Sekunden." Dann nimmt er die neue First Lady an die Hand - ungefähr so steif und ungelenk wie ein Teenager in seiner ersten Tanzstunde -, dreht sich ein bisschen im Kreis, guckt währenddessen auf seine Armbanduhr und hört nach genau 28 Sekunden schon mit dem Tanzen auf.

Die Szene ist einerseits amüsant, andererseits typisch für den neuen US-Präsidenten. Bush ist echt. Er ist echt als Texaner und als Tanzmuffel, er war echt, als er in der Jugend über die Stränge schlug, und er ist es seit seinem 40. Geburtstag als Abstinenzler. Er spielt niemandem etwas vor. Man muss seine Politik nicht mögen, seine Partei und seine neue Regierung, man kann die Art, wie er ins Amt gelangte, durchaus heftig kritisieren; aber es ist schwer, diesen Mann nicht irgendwie auch sympathisch zu finden, gerade wegen seiner kleinen Schwächen.

Bush bringe "Würde und Integrität" ins Weiße Haus zurück, hatte sein Vize, Dick Cheney, auf demselben Ball zwei Stunden zuvor gesagt. Aber das sollte Bill Clinton treffen und nicht die Sache. Falls Bush von der Mehrheit der Amerikaner akzeptiert wird, dann eher, weil er als Typ Clinton ähnlicher ist als etwa ein Al Gore Clinton ähnlich gewesen wäre.

Am Sonnabend jedenfalls hat Bush einen großen Schritt in Richtung allgemeiner Akzeptanz getan. Sicher, die Demokraten bleiben nachhaltig vom Ausgang der Wahl enttäuscht, und selbst die "New York Times" kam in ihrer Sonntag-Ausgabe, in der Titelgeschichte auf Seite eins, nicht umhin, noch einmal die gesamte Vorgeschichte dieser Präsidentschaft in allen Einzelheiten zu erzählen: die Vater-Sohn-Parallelen, das knappe Wahlergebnis, die Entscheidung des Obersten Gerichts. Doch insbesondere seine Inaugurations-Rede hat selbst Zweifler überzeugt. Seine Stimme war fest, die Botschaft okay. Gegen die vier großen "Cs", die Bush beschwor - civility, courage, compassion, character -, lässt sich halt kaum etwas einwenden. Und dass er zusätzlich versprach, die Armut zu bekämpfen und sich für Neueinwanderer einzusetzen, war wohl mehr als eine Pflichtübung. Allerdings ist er mit keinem Wort von seiner konservativen Agenda abgerückt. Einen politisch allzu hohen Preis für das knappe Wahlergebnis scheint er nicht bezahlen zu wollen.

Eine kleine Szene, fast unbemerkt von der feiernden Öffentlichkeit, könnte das illustrieren. Gleich nach der Amtseinführung und noch kurz vor dem Inaugurations-Mittagessen mit Abgeordneten des Kongresses, unternahm Bush seine erste Amtshandlung: Schnell unterschrieb er eine Reihe von Bestimmungen, darunter eine, mit der er die letzten Maßnahmen der Clinton-Administration rückgängig machen lassen will.

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