Politik : Weggehen und helfen

Deike Diening

Die Entwicklungspolitik hat die privaten Rücküberweisungen von Migranten in ihre Heimatländer entdeckt: Von 1970 bis 2001 ist das Volumen weltweit von 1,2 Milliarden Dollar auf über 100 Milliarden Dollar jährlich gestiegen – das ist ein Vielfaches der staatlichen Entwicklungshilfe in viele Länder und doppelt so viel wie die weltweit gezahlte Entwicklungshilfe. „Zuwanderungspolitik ist zugleich Entwicklungspolitik“, sagte deshalb Dieter Oberndörfer, Freiburger Drittweltforscher bei einer Ausschussanhörung im Bundestag. Das Geld wird eingesetzt, um Unternehmen zu gründen und die Wirtschaft zu stabilisieren. Mit den rückgeleiteten Gewinnen verwandelt sich „brain drain“ in „brain gain“: Die Verluste, die die Herkunftsländer durch gut ausgebildete Auswanderer erlitten haben, zahlen sich nun wieder aus.

„Die enormen entwicklungspolitischen Leistungen der Migranten für ihre Heimat sind bislang weder in ihrer Bedeutung erkannt noch politisch unterstützt worden“, sagte Oberndörfer. Allerdings könnten nur starke Einwanderergemeinden, wie es etwa die indische in den USA geworden ist, diese Aufgaben übernehmen. Es lässt sich also recht kostengünstig Entwicklungshilfe betreiben, indem man die Bedingungen für die hier lebenden Diasporen verbessert. Überspitzt formuliert überweisen dann erfolgreiche Zuwanderer die nötige Entwicklungshilfe selbst.

Der Politikwissenschaftler Uwe Hunger betonte, dass in den USA der größte wirtschaftliche Erfolg von Migranten nicht aus befristeten Arbeitsmöglichkeiten erwachse, sondern aus der zu einem Studium. So erklärten sich viele asiatische Gründungen im Silicon Valley. Hunger sieht Chancen für Deutschland, auf der Empfängerseite der weltweiten „Gehirnzirkulation“ zu stehen, vor allem mit der Türkei, den GUS-Staaten und Polen. Viele Arbeitskräfte für das Gesundheitswesen kämen schon aus afrikanischen Staaten. Folglich müsse man die Entwicklungsmaßnahmen mit den Zielen der Zuwanderungspolitik verzahnen.

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