Weihnachtsmarkt-Anschlag von 2016 : Der Breitscheidplatz erinnert an Terror - und mahnt

Heute eröffnet der Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. Der Anschlag von 2016 hat Gewissheiten erschüttert. Die Erinnerung daran ist wichtig. Ein Kommentar.

Schutz vor Terror: Schwere Betonsperren an den Eingängen zum Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz
Schutz vor Terror: Schwere Betonsperren an den Eingängen zum Weihnachtsmarkt am BreitscheidplatzFoto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Der Breitscheidplatz ist nicht mehr derselbe seit dem Massenmord vom 19. Dezember 2016. Wenn an diesem Montag der Weihnachtsmarkt eröffnet, lebt auf diesem Platz nicht nur vorweihnachtliche Stimmung. Es lebt dort auch die Erinnerung an den Abend, als der Terror nach Berlin kam, wie er zuvor nach Paris, nach Brüssel und an all die anderen Orte gekommen war, an denen IS-Glaubenskrieger ihre Wahnsinnstaten verübten. In die Vorfreude auf Weihnachten, in die Feierfreude der Vorweihnachtszeit mischen sich Misstrauen und vielleicht auch die Sorge, dass ein anderer Irrer vom Kaliber Anis Amri herumläuft, mit ähnlich hasserfüllten Absichten.

In diesem Jahr erinnert ein gelungenes Mahnmal mit den Namen der Ermordeten an Amris Tat. Die Stadt, ihre Bewohner und ihre Besucher haben sich durch diese Tat nicht fundamental verändert, im Kleinen, im Unterbewussten aber doch. Eine fundamentale Veränderung hätte bedeutet, dass dieser Weihnachtsmarkt so wenig stattfinden würde wie andere. Dann hätte die Angst vor dem Terror das freie Leben so erstickt. Das hat Amri nicht geschafft.

Mit einem Mahnmal wird an die Todesopfer des Terroranschlags in Berlin gedacht.
Mit einem Mahnmal wird an die Todesopfer des Terroranschlags in Berlin gedacht.Foto: Reuters/Axel Schmidt

Allerdings ist das Misstrauen gewachsen – das Misstrauen gegen Menschen, die als Flüchtlinge kamen, und das Misstrauen gegen deutsche Behörden. Als Angela Merkel im September 2015 mit großer Geste die Grenzen für offen erklärte und das Asylrecht zeitweise außer Kraft setzte, dürften die meisten Deutschen gedacht haben: Das wird schon, die Behörden haben noch jeden im Blick behalten. Ein fundamentaler und fataler Irrtum. Als wirklich verlässlich gelten seither allenfalls noch Finanzämter.

Das Vertrauen in Polizei und Sicherheitsbehörden hat nachgelassen – von den Ämtern ganz zu schweigen, die den Opfern des Kriegs in Syrien und den Amris dieser Welt Papiere auszustellen und Hilfen zu gewähren haben. Zu viel ist passiert an Verbrechen und Anschlägen – auch auf einzelne wie zum Beispiel die in Freiburg ermordete Studentin Maria L. –, um zu behaupten: Der Terror verändert uns nicht.

Terror verändert das Leben im Kleinen - und auch den Staat

Gewiss: Die wenigsten, die Weihnachtsmärkte mögen, werden sich von einem Besuch abhalten lassen, und das ist gut so. Konzerte finden statt wie an jenem Abend im Pariser Club Bataclan, Volksfeste wie in Nizza – und parallel dazu ermitteln Untersuchungsausschüsse und Fachleute in den Sicherheitsbehörden, was im Fall Amri alles falsch lief. Und wiederum parallel dazu werden Plätze mit vor allem optisch eindrucksvollen Betonblöcken gesichert, Polizisten gehen Streife, in Uniform und in Zivil.

Das ist gut so, in einem funktionierenden Staat allerdings nichts anderes als ein Bürgerrecht. Ist erst der Punkt erreicht, an dem die Sicherheit im öffentlichen Raum nur noch eine gelegentliche zu sein scheint, wird in diesem Land einiges ins Rutschen kommen. Die Politik ist deshalb gut beraten, die Polizeibehörden nicht so herunterzusparen, wie das in Berlin passiert ist; da gibt es ganz andere Sparobjekte und staatliche Instanzen, an denen sich die Finanzminister und Haushaltsfachleute abarbeiten können. Auch daran erinnert die Untat des Anis Amri.

Ein Riss aus Bronze erinnert an die Opfer des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt 2016.
Ein Riss aus Bronze erinnert an die Opfer des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt 2016.Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Terror verändert das Leben im Kleinen. Einige werden in diesem Jahr den Weihnachtsmarkt meiden, andere werden erst recht hingehen, aus einer Art freiheitsbewusstem Trotz heraus. Terror mag Sorgen vor einem Anschlag verstärken. Aber er verstärkt auch das Gefühl für die große Freiheit, in der wir leben.

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