Politik : „Weniger ich, mehr wir“

SPD in NRW nominiert Steinbrück als Ministerpräsidenten

Jürgen Zurheide[Essen]

Die Anrede geht ihm über die Lippen, als wenn er nie anders geredet hätte. „Liebe Genossinnen und Genossen“, beginnt Peer Steinbrück seine Rede, zwischendurch wiederholt er diese Formel immer wieder. Natürlich ist ihm nicht entgangen, dass der eine oder andere aus den eigenen Reihen danach gefragt hatte, ob er denn wohl genügend Stallgeruch habe. Denn Steinbrück, bisher Finanzminister in Düsseldorf und bald Ministerpräsident, ist zum einen Hamburger, zum anderen immer wieder mit Ansichten angeeckt, die denen der sozialdemokratischen Traditionalisten widersprachen. Und um zu zeigen, wo seine politische Heimat ist, nennt der 55-Jährige auf dem Sonderparteitag in Essen am Samstag seine Lehrmeister: Hans Matthöfer, Helmut Schmidt, Klaus Matthiesen und natürlich Johannes Rau, dessen Büro er in Düsseldorf geführt hat.

Seine Definition von sozialer Gerechtigkeit: „Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der es etwas weniger ich, dafür etwas mehr wir gibt". Zustimmung der gut 400 Delegierten gewinnt er auch, als er sich wie andere SPD-Regierungschefs für die Wiedereinführung der Vermögenssteuer ausspricht, um so mehr Geld für die Schulen zu haben. Die meisten Genossen haben sich damit abgefunden, dass es einen Wechsel an der Spitze geben wird. „Ich habe Respekt vor dem Amt, aber ich habe auch genügend Selbstvertrauen, um Euch zuzurufen: Ja ich bin bereit", beendet Steinbrück seine Bewerbungsrede. 96 Prozent der Delegierten stimmen seiner Nominierung zu, die Wahl folgt kommende Woche im Landtag. Die Koalition mit den von ihm nicht immer geschätzten Grünen will Steinbrück fortsetzen.

Wolfgang Clement verabschiedet sich in Essen aus der Landespolitik, mit einem engagierten Vortrag zur Lage in Deutschland und dem Versprechen, den Arbeitsmarkt in Ordnung zu bringen. „Wir brauchten den Besten für diese Aufgabe“, rief der Kanzler den Delegierten zu, der eigens nach Essen geeilt war, um noch einmal für den Wechsel zu werben, den er mit Clements Berufung nach Berlin erzwungen hatte.

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