Politik : "Wenigstens tritt ein Ostdeutscher auf" - Interview mit Wolfgang Thierse

Matthias Meisner

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse wollte am 9. November im Bundestag als Vertreter aller Deutschen sprechen. Den Streit um die Feierstunde findet er unglücklich.

Wie kam es zum Streit?

Ich wollte, dass nicht mehr als drei Redner auftreten. Der Bundestagspräsident, der für alle Deutschen und für das Parlament spricht, dann Bush und Gorbatschow als die Vertreter der zweigeteilten Welt.

Dann wollten mehr reden. . .

Die Union hat sehr energisch den Auftritt von Kohl betrieben und mit der SPD und dem Kanzleramt eine Einigung erreicht. Mein ursprünglicher Vorschlag wurde um Kohl und Schröder erweitert. Ich habe das unter Kritik zu akzeptieren gehabt. Von Anfang an habe ich gesagt, dass auch andere sich melden werden. So ist es dann auch gekommen. Klar ist, dass eine solche Veranstaltung mit einer solchen Fülle von Rednern nicht sinnvoll ist. Das hatten auch die kleinen Fraktionen unter Kritik akzeptiert.

Sollen die Pläne geändert werden?

In vier Monaten gedenken wir im Bundestag der ersten freien Volkskammerwahl in der DDR. Das wird eine Stunde der ostdeutschen Politiker und der DDR-Opposition.

Die Grünen nennen die Rednerliste "typisch westdeutsch". . .

Wenigstens tritt mit dem Bundestagspräsidenten ein Ostdeutscher auf. Das sollte man nicht ganz übersehen.

Sie sehen keine Möglichkeiten mehr, den Ablauf noch einmal zu verändern?

Es war bisher alles einigermaßen wohl überlegt. Man kann das noch ändern, aber ich bin sehr gespannt, ob die Vertreter der Fraktionen sich darauf einigen können. Wenn jetzt ein Vorschlag der Grünen durchgesetzt wird, werden auch FDP und PDS auf ihren Vorschlägen bestehen. Dann können wir noch eine Woche verhandeln - mit offenem Ausgang.

Das fänden Sie wenig glücklich.

Das wäre nicht sehr glücklich. So wenig, wie ich mit der Erweiterung der Rednerliste glücklich war, so wenig bin ich es, dass wir jetzt eine endlose Diskussion haben.

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