Politik : „Wenn das Licht ausgeht, töten wir“

Claudia von Salzen

Hamburg - Der Kinderarzt Leonid Roschal hat viele Krisenherde dieser Welt erlebt. Doch wenn er vom Geiseldrama in Beslan spricht, ringt er um Fassung. Der 71-jährige Russe hat den Terror in der Schule aus nächster Nähe gesehen und mit den Geiselnehmern gesprochen. Jetzt reist er durch Europa, um der Welt seine Sicht der Ereignisse zu schildern. Das ist auch im Interesse der russischen Regierung – die Botschaft in Berlin flog ihn zum Petersburger Dialog nach Hamburg ein.

Mit einem Geiselnehmer stand Roschal über Handy in Kontakt. Als diese hörten, dass die Behörden von nur 350 Geiseln sprachen, reagierte sein Gesprächspartner sofort: „Er sagte: Wenn Lügen verbreitet werden, dass nur so wenige Leute hier sind, fangen wir an, Geiseln zu töten.“ Roschal verteidigt die Angaben der Behörden. Es sei schwer gewesen, sich einen Überblick zu verschaffen.

Die Geiselnehmer waren von Anfang an nervös: „Sie haben gesagt: Wenn die Telefone abgeschaltet werden, töten wir. Wenn das Licht ausgeht, töten wir. Wenn Einsatzkräfte dem Gebäude zu nahe kommen, töten wir.“ Die Terroristen drohten nicht nur: Sie ermordeten 21 Männer und warfen die Leichen aus den Fenstern. Am wichtigsten war es Roschal zunächst,Wasser ins Gebäude zu bringen, Lebensmittel, Medikamente. Selbst die Geiselnehmer im Moskauer Theater „Nord-Ost“, wo er auch vermittelte, hatten ihm dies erlaubt. Die Terroristen in Beslan blieben hart. Freies Geleit lehnten sie ab. Sie wollten nur eines: Hoche Politiker sollten kommen, etwa der Tschetschenienberater von Präsident Putin, Aslachanow. „Bringen Sie uns Aslachanow, den Präsidenten von Nordossetien und den Präsidenten von Inguschetien, dann reden wir.“

Es ärgert den Kinderarzt, wenn Medien spekulieren, der Sturm könne geplant gewesen sein. „Es gab keine Erstürmung. Das war ein Unglück“, sagt er. Die Geiselnehmer gestatteten die Leichenbergung. Als sie herauskamen, gab es im Obergeschoss zwei Explosionen. Kinder und Erwachsene flohen, die Terroristen feuerten auf sie. Den Einsatz der Sicherheitskräfte verteidigt der Arzt. „Wenn Sie eine Waffe in der Hand haben und sehen, wie Kinder getötet werden: Was würden Sie tun?“

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