Politik : Wenn Erinnerung die Sprache lähmt

THOMAS KRÖTER

INGELHEIM .Dem Jungen mit den fröhlichen bunten Farbei auf dem T-Shirt stockt die Stimme.Die ganze Zeit schon hat er am einem Papiertaschentuch herumgeknüllt, verstohlen in den feucht werdenden Augenwinkeln gewischt.Jetzt ist er dran, soll etwas sagen.Nicht so einfach, wenn keine zwei Meter weg der deutsche Bundeskanzler und der amerikanische Präsident sitzen.Aber es sind nicht die einschüchternden Zuhörer, die dem vielleicht 14jährigen die Lippen lähmen."Ich kann nicht drüber reden", sagt er schließlich, bricht ab.Daß die Tränen zum Sturzbach werden, mag er noch verhindern; aber sprechen, das geht nicht.Er habe so viel gesagt, antwortet Bill Clinton später, auch wenn er nicht habe sprechen können.Beim abschließenden Händedruck nimmt er den Jungen kurz und väterlich in den Arm.

Die Szene spielt in einem mit blauen Tüchern abgehängten schmalen Raum der "Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber" an der Konrad-Adenauer-Straße des pfälzischen Weinortes Ingelheim.Die Rolläden der Essensausgabe sind heruntergelassen, Fernsehkameras ausgebaut.Es wuselt, von Sicherheitsleuten, diplomatischem Hilfspersonal, Kameramännern, Reportern.In diesem provisorischem Fernsehstudio treffen Clinton und sein deutscher Gastgeber Gerhard Schröder mit 24 der 334 Kosovo-Vertriebenen zusammen, die hier Zuflucht gefunden haben.Staatsmänner sprechen mit Opfern.Opfer erzählen über ihre Leiden.Journalisten berichten, das Fernsehen überträgt.Wichtig, sei das, sagt Schröder, damit die Menschen , die Krieg ablehnten - und wer tue das nicht - verstünden, warum der Krieg gegen Milosovic geführt werden müsse.Eine Demonstration also, ein Teil psychologischer Kriegführung zur Stärkung der Heimatfront.Auch das.

Man erinnert sich der Fotos zerstörter Brutkästen, aus denen Saddam Husseins Schergen angeblich die Neugeborenen hatte reißen lassen.Produkt einer Werbeagentur.Aber das hier sind keine Fotos, keine Schauspieler, das sind Menschen, die erlebt haben, was sie berichten; Menschen vor allem, die kaum drüber berichten können, was sie erlebt haben.

Die junge Frau, die erzählt, wie die Serben an ihrer Tür geklopft haben, drei Mal.Mehr erzählt sie nicht.Einer nach dem anderen in der Runde ergreift das Mikrophon, bedankt sich bei den beiden Politikern, betont, wie richtig das sei, was die NATO tue, ein "gerechter Krieg".Nicht vor den Bomben seien sie geflohen, betont einer, seit Beginn des Bombardements habe man sich sicherer gefühlt.Beteuerungen, Dank, keine Einzelheiten.Man bekommt einen Begriff davon, wie schwer es für die Profis, für die Militärs sein muß, wenn sie die Flüchtlinge in Mazedonien, in Albanien befragen, um Genaueres zuhören, damit die schemenhaften Luftbilder Gestalt annehmen, damit das Grauen ein Gesicht bekommt.Keine Einzelheiten.Ein Arzt beginnt schließlich, erzählt von der Vertreibung seiner Familie aus ihrer Wohnung, wie er im Zug plötzlich mit der Drohung konfrontiert wurde: Du wirst hingerichtet.Oder 5000 DM.Er kommt für 1000 davon.Eine Lehrerin berichtet, wie sie von serbischer Polizei immer wieder terrorisiert worden sei.Vor den Augen ihrer Schüler.

Starrer Miene hören die beiden Politiker zu.Irgendwann rücken sie auf ihren Stühlen mit den Schultern zusammen, als habe das Gehörte sie einander näher gebracht; aber sie schauen in verschiedene Richtungen.Einmal ballt Clinton die linke Hand um den Empfänger, der die Simultanübersetzung in seinen Kopfhörer überträgt, schiebt das Kinn energisch vor.Eine Geste, bloß für die Kameras? Eine Geste jedenfalls, die den Zuschauern an den Bildschirmen das richtige Signal sendet: Der Präsident fühlt mit, ist bereit zu handeln.Wer mag rechten, welcher der beiden mehr mit dem Herzen dabei ist? Zu besichtigen ist bloß das Resultat: Schröder sitzt, hört zu; Clinton strahlt Zuwendung aus.

An einem Punkt scheitert allerdings auch er: Wie das denn früher gewesen sei, will er wissen, vor dem Morden - ob man sich da besser verstanden habe? Bis tief ins sechste Jahrhundert holt einer aus, um mitzuteilen, daß die Serben schon immer schlimm gewesen seien, "pathologischen" Haß auf Albaner bescheinigt er ihnen.Die Junge Frau, die vom Klopfen an ihrer Tür berichtet hat, sagt es, wie in einem Nebensatz, ja, es habe bessere Zeiten gegeben.Aber dann setzt auch sie hinzu, schon immer habe man gewußt, mit wem man Freund sein könne.Die Perspektive des Mordens, dem sie entronnen sind, verstellt die Erinnerung daran, daß ein Zusammenleben einmal möglich war.Was die Menschen sagten, sei wichtig auch für die Entscheidungen der Politiker, hatte Clinton zu Beginn versichert.

In Ingelheim gehen Schröder und Clinton vor den vollzählig angetretenen Bewohnern der "Aufnahmeeinrichtung" ans Rednerpult, um den demonstrativen Besuch zu beenden, jeder auf seine Weise.Der Kanzler spricht vom "Stolz" auf die Solidarität seiner Landsleute mit den Vertriebenen; vom Krieg, der ihre Rückkehr ermöglichen soll."Bis dahin", versichert er, "sind Sie in Deutschland willkommen." Warum klingt das so kühl, als habe er ein "aber nur bis dahin" verschluckt? Der US-Präsident legt Schmelz in die Stimme und appelliert an sie mit einem Wort des irischen Dichters William Butlers Yeats: Durch die bösen Erfahrungen sollten sie nicht dauerhaft ihre "Herzen zu Stein" werden zu lassen.Sonst hätten ihre Unterdrücker gewonnen.Zwei Signale, zwei Welten.

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