Politik : „Wenn es dem Vertrauen dient“

Der Zentralrat der Muslime kann sich eine stärkere Überwachung von Moscheen vorstellen

Ruth Ciesinger

Berlin - Die Anschläge in London haben offenbar Muslime verübt, die in Großbritannien geboren und aufgewachsen sind. Unter diesem Eindruck wird auch in Deutschland wieder über bessere Integration beziehungsweise Kontrolle der muslimischen Gemeinden debattiert. Bestimmten Maßnahmen würden diese unerwartet aufgeschlossen gegenüberstehen. Zur Forderung des bayerischen Innenministers Günther Beckstein (CSU), mehr V-Leute in muslimischen Gemeinden einzusetzen, sagt jedenfalls der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Nadeem Elyas: Da die meisten Gemeinden „nichts zu befürchten haben, wäre es in ihrem Sinne, als solche identifiziert zu werden“. Wenn es das Vertrauen gegenüber den Muslimen fördert, würde er eine stärkere Überwachung in Kauf nehmen. Der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, zeigt sich dagegen „beunruhigt“. Man solle sich überlegen, wie das bei den Muslimen insgesamt ankommt, sagt er, wenn eine ganze Religionsgruppe stärker beobachtet werden soll.

In einem sind sich Kizilkaya und Elyas allerdings einig: Das Vertrauen des Staates in islamische Gemeinden und Organisationen ist ihrer Ansicht nach zu schwach. Elyas wünscht sich eine „stärkere Zusammenarbeit auch mit den Sicherheitsorganen“; der Zentralrat sei bereit, hier eine Rolle zu übernehmen. Insgesamt könnte der Kontakt auch auf politischer Ebene intensiver sein, sagt er. Kizilkaya fühlt sich von Seiten der Politik regelrecht „ignoriert“. Dies könnte aber auch daran liegen, dass der Islamrat, der einer der größten islamischen Dachverbände in Deutschland ist, vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Generell ist der Dialog mit den rund 3,2 Millionen in Deutschland lebenden Muslimen schwierig. Mit 2,4 Millionen stellen die Türken die große Mehrheit, von den übrigen 800000 kommt der überwiegende Teil aus dem früheren Jugoslawien, der arabischen Welt oder Iran. Eine repräsentative Vertretung hat keine einzige dieser Gruppen, da sie sich untereinander wieder in eine Vielzahl religiöser Grundausrichtungen aufteilen. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland spricht beispielsweise nur für 500 der etwa 2000 Moscheegemeinden.

Dieses Problems sind sich die muslimischen Verbände bewusst. Dennoch besteht Elyas darauf, dass einiges versucht wird, um einer Radikalisierung in den Gemeinden entgegenzuwirken. So habe der Zentralrat mehr als 100 Imame von arabischen Moscheen in Seminaren im „richtigen Umgang mit dem Staat“ geschult. Das Verhältnis zum Staat, sagt er, muss als „eine vom Islam gewollte Sache erläutert werden. Die Anerkennung des Grundgesetzes ist auch eine islamische Pflicht.“ Zugleich sei man darauf bedacht, dass gewisse Suren des Koran im „richtigen Zusammenhang“ erläutert werden, so dass Extremisten sie nicht missbrauchen können.

Den Forderungen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 habe man „Folge geleistet“, sagt Elyas, wenn auch noch nicht in ausreichendem Maß. Dies sei ein fortlaufender Prozess. Allerdings werde „Integration nicht im Lichte von Sicherheitsfragen geplant“. Kizilkaya vermutet die Schwierigkeiten auf beiden Seiten. Deutsche wie Muslime würden immer wieder darauf warten, dass die andere Seite den ersten Schritt geht, sagt er. „Dieser Teufelskreis“ müsse durchbrochen werden. Und dann gesteht er zu, dass auch die Sprache ein Problem ist. Oft, so stellt es der Vorsitzende des Islamrats dar, ziehen sich Muslime zurück, weil sie fürchten, nicht verstanden zu werden.

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