Politik : Wenn Schwäche Stärke ist

Von Christoph von Marschall

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Auch Wladimir Putin hat Kinder. Rettet das den Geiseln in Beslan das Leben? Mehr als 300 Schüler und Erwachsene sollen in der Stadt im Süden Russlands in der Hand mutmaßlich tschetschenischer Terroristen sein. Wer im Fernsehen die Gesichter der Angehörigen draußen vor der Schule sieht, ihre Verzweiflung über die Schüsse und Explosionen drinnen, ihre Angst um die Eingeschlossenen, der kann sich ihrer Forderung doch nicht verschließen, alles zu tun, um diese Tragödie zu beenden – ja, auch einer monströsen Erpressung nachzugeben, damit dieser Alptraum von den vielen, vielen Familien genommen wird. Muss so nicht auch der Vater Putin empfinden? Dieses urmenschliche Mitgefühl kann doch eine KGBKarriere nicht auslöschen.

Natürlich, Russlands Präsident trägt nicht nur für diese eine Stadt im Kaukasus Verantwortung, sondern für rund 150 Millionen Bürger. Er darf nicht nur den Gefühlen von heute folgen, er muss an morgen denken. Wenn er einsitzende Terroristen freilässt – was die Geiselnehmer angeblich fordern –, bahnt er damit nicht den nächsten Anschlägen den Weg? Die Bundesregierung hat sich in der Anfangszeit des Nahost- und Baader- Meinhof-Terrors erpressen lassen: Nach dem Anschlag auf die Olympischen Spiele 1972 in München gab sie drei überlebende Attentäter frei, im Austausch gegen eine entführte Lufthansa-Maschine. War diese Nachgiebigkeit eine „Ursünde“, wie New Yorks Ex-Bürgermeister Giuliani soeben behauptet hat? 1977, bei der Doppelentführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine „Landshut“ blieb Kanzler Schmidt hart. Die Passagiere wurden glücklich befreit, Schleyer bezahlte mit dem Leben.

Was ist in solchen Extremsituationen Stärke und was Schwäche? Ist nicht der Staat stark, der alles tut, um seine Bürger zu retten? Und umgekehrt der Staat schwach, der Menschen opfert, um das Prinzip des Gewaltmonopols zu verteidigen? Das wirkt plötzlich ziemlich abstrakt, erst recht, wenn das Leben so vieler Kinder auf dem Spiel steht. Es ist ein ungeheurer Tabubruch, der sich da in Beslan abspielt – wehrlose Kinder als Geiseln. Das ist nochmals eine Steigerung der Unmenschlichkeit in dem nun schon zehn Jahre andauernden Konflikt. Zwei Mal hatten tschetschenische Rebellen bereits Krankenhäuser in ihre Gewalt gebracht, 1995 in Budjonnowsk und 1996 in Kisljar. Die Geiselnahme einer Schule mit vielen Erstklässlern zeigt: Entschlossene Täter können ihr Erpressungspotenzial so weit steigern, dass sich die Frage, ob der Staat nachgeben darf, nicht mehr stellt. Eine Regierung, die ihre Bürger schützen will, gerät in solche Gewissensnot, dass sie gar nicht anders kann. Sie muss der Rettung so vieler Leben Priorität geben. Wer wollte die Verantwortung auf sich laden, den Tod Hunderter zu riskieren?

Da wird selbst Russland schwach – nein: stark! Und auch ein Präsident Putin, der bei der Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater „Nord-Ost“ vor zwei Jahren noch ganz andere Maßstäbe anlegte. Die Schreckensbilanz der Befreiungsaktion per Gasangriff – 129 tote Geiseln, 41 tote Attentäter – galt ihm damals als Triumph. Jetzt verspricht er, das Leben der Gekidnappten habe Vorrang. Ist die Einsicht diesmal von Dauer? Die Hoffnung auf ein grundsätzliches Umdenken bestand schon nach den Geiselnahmen in den beiden Krankenhäusern 1995/96. Erst nach mehreren vergeblichen Stürmungsversuchen der Spezialtruppen mit über hundert Toten gewährte Moskau den Terroristen um den tschetschenischen Feldkommandanten Schamil Bassajew freies Geleit und versprach eine politische Lösung für Tschetschenien. Für kurze Zeit war das Konzept vom starken Staat, der sich brutal und auf Kosten seiner Bürger durchsetzt, diskreditiert, galt eine Verhandlungslösung als Erfolg und nicht als Schwäche.

Diesen – von Putin unterbrochenen – Weg muss Russland weitergehen. Die Terroristen können ihr Erpressungspontenzial in diesem asymmetrischen Konflikt steigern. Es gibt größere Schulen und Krankenhäuser, Putins Truppen werden sie nicht alle schützen. Das kann nur ein stabiler Frieden.

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