Politik : „Wenn Widerstand geleistet wird, ist eine Großstadt nicht einzunehmen“

Deutsche Militärhistoriker halten das Vorhaben der amerikanischen Truppen, Bagdad und Basra zu besetzen, für aussichtslos – es sei denn, Saddam Hussein gibt auf

Burkhard Schröder

Deutsche Militärhistoriker sagen den Briten und Amerikanern im Irak eine Niederlage voraus. Noch nie in der Geschichte der Kriege ist eine Großstadt wie Bagdad militärisch von einer Invasionsarmee erobert worden. Für die Alliierten im Irak gäbe es nur zwei Möglichkeiten, Bagdad oder auch Basra zu erobern: Die Städte zu verwüsten oder sie auszuhungern. Ein Straßenkampf könne letztlich nicht gewonnen werden.

Manfred Messerschmidt, Professor und bis 1988 in Freiburg leitender Historiker des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, ist seit 1995 pensioniert, gilt aber immer noch als der Doyen der deutschen militärhistorischen Forschung. Messerschmidt hält eine militärische Niederlage der Alliierten für wahrscheinlich, falls sich das Regime Saddam Husseins an der Macht halte. Eine Eroberung Bagdads sei unmöglich – falls die Alliierten nicht planten, die irakische Hauptstadt in Schutt und Asche zu legen.

Der Zweite Weltkrieg, insbesondere die 900 Tage dauernde Belagerung Leningrads, hätte gezeigt, dass ein Straßenkampf immer zur völligen Zerstörung und zu schrecklichen menschlichen Verlusten führe. Auch die deutsche Wehrmacht habe zunächst gezögert, die russischen Großstädte militärisch zu erobern, bis Hitler persönlich anordnete, sie zu zerstören oder eben auszuhungern. Sowohl in Leningrad als auch in Stalingrad ging diese Strategie nicht auf. Eine Millionenstadt könne man nicht sichern, Invasoren könnten sich höchstens in bestimmten Punkten einigeln, sagt Messerschmidt. „Wenn nach Bombardements Schutt auf den Straßen liegt, kommen auch Panzer nicht mehr durch.“

Die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (Akuf) am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Hamburg betreibt eine Website und ein Archiv, die umfassend über das weltweite Kriegsgeschehen nach dem Zweiten Weltkrieg informieren. Wenn es den Amerikaner und Briten gelänge, die Millionenstadt Bagdad zu erobern, wäre das ein historischer Präzedenzfall, sagt der Forscher. Das sei unter vergleichbaren Umständen bislang noch keiner Armee in der Geschichte gelungen.

Gerd Krumeich, Professor an der Universität Düsseldorf und Vorsitzender des Arbeitskreises Militärgeschichte, sieht das ähnlich. Schon 1870, im deutsch-französischen Krieg, habe Paris nur deswegen kapituliert, weil sich die französische Armee samt ihrem Kaiser bereits ergeben hatte und die Versorgungslage der Stadt katastrophal geworden war. Die Amerikaner hätten jetzt auch offenbar nicht damit gerechnet, dass Saddam Hussein Rückhalt in der irakischen Bevölkerung habe. Die haushohe technische Überlegenheit der alliierten Truppen und ihre Luftüberlegenheit nutze indes bei einem Straßenkampf überhaupt nichts. Man könne keine Großstadt „sauber“ einnehmen. Und die Bombardements bewirkten, dass die Bevölkerung sich um so mehr um den Diktator schare.

Auch der Militärhistoriker Bernhard Kroener von der Universität Potsdam hat über die angestrebte Eroberung irakischer Städte eine klare Meinung: „Wenn Widerstand geleistet wird, ist eine Großstadt prinzipiell nicht einzunehmen. Falls die Alliierten versuchten, Bagdad weiträumig abzuriegeln, müssten sie wesentlich mehr Truppen ins Land bringen und mit einer monate-, gar jahrelangen Belagerung rechnen.

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