Wertvorstellungen : Ostalgie nur langsam auf dem Rückzug

Der Sachsen-Anhalt-Monitor erkundet die Stimmungslage der Ostdeutschen: Die DDR schneidet bei den Menschen schlechter ab als vor zwei Jahren - doch dass der untergegangene Staat eine Diktatur war, glauben immer weniger.

Matthias Schlegel

Berlin/Magdeburg - Das Land Sachsen-Anhalt kann durchaus für sich in Anspruch nehmen, den Durchschnitt in Ostdeutschland zu repräsentieren: Weder bei Wirtschaftsdaten noch Sozialstatus der Bevölkerung oder Standortfaktoren irgendwie positiv oder negativ herausragend, kann die Stimmungslage der Menschen zwischen Salzwedel im Norden und Zeitz im Süden als Gradmesser für Ostdeutschland schlechthin gelten.

So gesehen kann auch der nach 2007 zum zweiten Mal erhobene „Sachsen-Anhalt-Monitor“, eine Umfrage zu Wertvorstellungen und politischen Ansichten unter 1000 Menschen des Landes, als Gradmesser des Stimmungsbildes der Ostdeutschen angesehen werden. Am Dienstag wurden die jüngsten Ergebnisse der von der Landeszentrale für politische Bildung in Auftrag gegebenen und vom Institut für Politikwissenschaft der Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg ausgewerteten Umfrage in Magdeburg vorstellt.

Die große Mehrheit der Menschen in Sachsen-Anhalt (79 Prozent) stimmt der Aussage zu, dass die Demokratie die beste Staatsidee ist. Und 74 Prozent sind mit dem politischen System in Deutschland zufrieden. Doch die Ansichten differieren in den einzelnen Altersgruppen deutlich: Wird die Demokratie von 88 Prozent der über 60-Jährigen als beste Staatsform erkannt, sind es bei den 18- bis 24-Jährigen nur 57 Prozent. Und jeder Vierte der letztgenannten Altersgruppe würde zur Not eine Diktatur akzeptieren.

In Kontrast zur relativ hohen Akzeptanz der Staatsform der Demokratie in Deutschland steht ein anderes Ergebnis: 74 Prozent der Befragten glauben nicht, dass die Politik ihre Interessen angemessen vertritt. Und während das ohnehin tendenziell höhere Interesse der älteren Generation an Politik weiter gewachsen ist – von 67 Prozent im Jahr 2007 auf 73 Prozent 2009 – , ist das der Jüngeren weiter gesunken: Nur 32 Prozent der 18- bis 24-Jährigen interessieren sich für Politik. 2007 waren das noch 38 Prozent.

Die Ostalgie scheint allmählich auf dem Rückzug zu sein: Zwar werden der DDR von einer großen Anzahl der Befragten in Einzelbereichen noch immer Vorteile bescheinigt, etwa im Umgang miteinander (77 Prozent), in der Kinderbetreuung (68 Prozent) oder in der sozialen Absicherung (57 Prozent). Doch vor zwei Jahren hatten diese Werte noch jeweils sieben Prozentpunkte höher gelegen. Allerdings kommt die Bezeichnung der DDR als Diktatur heute weniger Ostdeutschen über die Lippen als noch vor zwei Jahren: Stimmten 2007 dieser Einordnung 82 Prozent der Menschen zu, waren es 2009 nur noch 79 Prozent – bei den 18- bis 24-Jährigen nur 63 Prozent. Und nicht überall in Sachsen-Anhalt werden am 9. November die Sektkorken knallen: Nur für 77 Prozent der Befragten ist der 20. Jahrestag des Mauerfalls ein freudiges Ereignis.

Auf Genugtuung stieß bei der Landesregierung das Umfrageergebnis, dass in Sachsen-Anhalt ausländerfeindliche und extremistische Einstellungen entgegen der öffentlichen Wahrnehmung weniger verbreitet seien als in Ostdeutschland insgesamt.

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