Westjordanland : Bis zur letzten Olive

Es herrscht Hochspannung bei der Olivenernte palästinensischer Bauern im Westjordanland. Wie jedes Jahr versuchen extremistische Siedler, die lebenswichtige Olivenernte mit Gewalt zu verhindern.

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Die Olivenbäume und die -ernte sind seit Jahren zum Zentrum des blutigen Kampfs fanatischer jüdischer Siedler gegen die palästinensischen Bauern geworden – und zum Symbol des Willens der Palästinenser, auf ihrem Land auch unter widrigsten Umständen auszuharren. Für die palästinensischen Bauern stellt die Olivenernte die wichtigste Einkommensquelle dar.

Dieses Jahr haben Siedler den Beginn der Olivenernte gar nicht erst abgewartet. Fanatiker aus der für ihren Extremismus berüchtigten Siedlung Yitzhar fällten mit Kettensägen mehr als 150 Olivenbäume zwischen den Dörfern Huwwara und Burin südlich der palästinensischen Großstadt Nablus. Dem für die Beobachtung der israelischen Siedlungsaktivitäten zuständigen palästinensischen Offiziellen Ghassan Daghlas zufolge drangen Dutzende in die Ölbaumfelder ein und zerstörten sie. Zuvor war in den Siedlungen ein Aufruf aufgetaucht, in dem die Siedler aufgefordert wurden, „keinem Araber die Olivenernte in unseren Ortschaften zu ermöglichen“. Denn: „Die Araber sind Terroristen und entsprechend zu behandeln.“ Im Weiteren warnt der vierzigjährige Verfasser des Aufrufes vor „fünf gegen uns aktiven feindlichen Kreisen – Araber, Linke, Armee, Zivilverwaltung und Polizei“. Tatsächlich hat die Zivilverwaltung – der Armee – sich jahrelang darum bemüht, den palästinensischen Bauern die Ernte „bis zur letzten Olive“ zu ermöglichen. Israelische Linke und Liberale, sogar gemäßigte Rabbiner halfen den palästinensischen Bauern und schützten sie.

Es war die Reaktion darauf, dass extremistische Siedler jahrelang unzählige Olivenbäume vor der Ernte umgelegt und die Palästinenser mit Gewalt an der Ernte gehindert hatten. Auch dieses Jahr fanden zahlreiche Koordinationssitzungen zwischen den Olivenbauern, den Koordinationsoffizieren, der Polizei, der Armee und den Sicherheitsoffizieren der Siedlungen statt. Der Chef der Zivilverwaltung, Brigadegeneral Joav Mordechai, bemühte sich in Gesprächen mit Siedlerführern um deren Zustimmung zur Olivenernte in den überaus weit gefassten Bereichen der Siedlungen. Die Olivenplantagen im Westjordanland umfassen 90 000 Hektar, von denen sich nur ein kleiner Teil in den Siedlungsgebieten befindet. Doch ist dieser für den einzelnen Bauern von existenzieller Bedeutung.

Mordechai stieß offensichtlich auf taube Ohren. Denn im Aufruf wird er heftig attackiert: „Es handelt sich um einen Mann mit der Auffassung, dass in Judäa und Samaria“ – den biblischen Namen für das Westjordanland – „ein arabischer Staat entstehen wird, und dass die Zivilverwaltung für die Araber errichtet wurde.“

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