Politik : Wie solidarisch sind wir noch?

ANGRIFF AUF AMERIKA

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Von Malte Lehming

Etwas Schlimmes kann eine Katastrophe sein oder ein Verbrechen. Wenn heute der Opfer des 11. September gedacht wird, so dominiert das Gefühl der Trauer. In Amerika läuten um 8 Uhr 46, als vor einem Jahr das erste Flugzeug ins World Trade Center raste, überall im Land die Kirchenglocken, die Fahnen werden auf Halbmast geflaggt. In Konzerten, Messen und Schweigeminuten halten die Menschen inne. Dieser Tag hat sie verändert. Aber was hat sich verändert? Das Ende der Spaßgesellschaft wurde verkündet. Die Spaßgesellschaft ist zurück. Spott, Ironie, Trivialität: Allerorts wird gefeixt wie eh und je. Ein Anstieg des Patriotismus wurde prophezeit, der Religiosität und Gemeinnützigkeit. Auch diese Werte haben sich längst wieder auf Normalmaß eingependelt.

Trotzdem sind die Amerikaner fest davon überzeugt, dass der 11. September ein ebenso folgenreiches Datum markiert wie der 7. Dezember 1942. Damals wurde Pearl Harbor überfallen. Dieser Überzeugung liegt die Erkenntnis zugrunde, dass die Terroranschläge zwar katastrophale Auswirkungen hatten, aber in erster Linie ein Verbrechen waren. Katastrophen werden durch Gott oder die Natur verursacht. Das verringert nicht das Leiden der Menschen, die durch Dürre, in Fluten oder Waldbränden ums Leben kommen. Doch der Terror ist Menschenwerk. Und was Menschen tun, kann nur durch Menschen verhindert werden. In die Trauer mischt sich Zorn. Und Tatendrang.

Osama bin Laden und seine Al-Qaida-Organisation wollen den Westen durch Terrorakte erschüttern. Die Fanatiker fürchten weder Tod noch Vergeltung. Wer sie stoppen will, muss sie bekämpfen. Amerika ist aufgewacht am 11. September, es hat die neuen Gefahren erkannt, die Bedrohungen analysiert – und sich zum Handeln entschlossen. Gewiss, es hat auch übertrieben in seinem Zorn, durch markige Worte selbst Verbündete verprellt und kaum diplomatisches Geschick gezeigt, um den Eindruck von Hysterie und Arroganz zu zerstreuen. Aber grundsätzlich stimmt der Kurs im Anti-Terrorkampf. Denn die Gefahren sind real und vergrößern sich täglich. Eine Testfrage: Wie verhindern wir, dass ein paar Liter Anthrax oder ein paar Kilogramm VX-Nervengas zum Beispiel aus Bagdad ihren Weg in die Hände der Al Qaida finden? Wer auf diese Frage mit den Achseln zuckt, das Thema bagatellisiert oder sich sonst wie um eine klare Antwort herumdrückt, verdrängt einen Teil der Wirklichkeit.

Für die Amerikaner hat sich am 11. September die Welt verändert, für die Europäer dagegen Amerika. Das ist der zentrale Unterschied zwischen beiden Kontinenten. Auch in London, Paris und Berlin saß der Schock über die Bilder des einstürzenden World Trade Centers tief. Doch unverwundbar wähnten sich die Europäer nie. Sie kennen den Terror. Außerdem haben sie die Erfahrung gemacht, dass Gruppen wie die Eta, die IRA, die Roten Brigaden oder die RAF sich auch anders als durch Kriege unschädlich machen lassen. Das aktiviert bei ihnen eine instinktive Skepsis gegenüber der martialischen Rhetorik, mit der die US-Regierung ihre Pläne intoniert.

In der Irak-Debatte kulminiert diese Differenz. Insbesondere das kategorische Nein der Bundesregierung stößt in den USA auf Unverständnis. Mehr und mehr Amerikaner fühlen sich an die Nachrüstung, den ersten Golfkrieg und das geplante Raketenabwehrsystem erinnert. Woran liegt es, fragen sie, dass ihr Deutschen stets größere Angst vor unserer Reaktion auf eine Gefahr zu haben scheint als vor der Gefahr selbst? Woran liegt es, dass ihr weniger über Saddam diskutiert als über unsere vermeintlichen Motive, ihn zu verjagen? Im Spekulationsangebot sind: Expansionsdrang, Öl-Interessen, Sohn will Werk des Vaters vollenden, Ablenkung von der Wirtschaft.

Die Fronten haben sich verhärtet. Im Schock waren Deutsche und Amerikaner am 11. September vereint. Doch bereits für den Afghanistan-Feldzug bedurfte es in Deutschland eines gewaltigen parlamentarischen Kraftaktes. Anschließend zerbröckelte die „uneingeschränkte Solidarität“. Heute sind sich beide Länder so fremd wie nie. Das ist weder eine Katastrophe noch ein Verbrechen. Aber es ist schade. Dieser Jahrestag macht doppelt traurig.

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