Wiederbelebung eines Begriffs : Die neue Sehnsucht nach Heimat

Die Heimat schien als Begriff von gestern zu sein: eng, kitschig und anziehend für Rechtsradikale. Doch es gibt gute Gründe, sich ihr neu anzunehmen. Ein Essay.

Kleines Glück. Das kann Heimat auch sein. Aber sie kann noch viel mehr.
Kleines Glück. Das kann Heimat auch sein. Aber sie kann noch viel mehr.Foto: Thilo Rückeis

Macht sich das Land jetzt auf die Suche nach dem, was am nächsten liegt? Nach dem, wo wir leben und was in uns lebt? Am Tag der Deutschen Einheit hat sich der Bundespräsident als Fremdenführer für das Vertraute angeboten und die Gesellschaft aufgerufen, diesen Weg mitzugehen. Es ist der Weg in die Heimat, von dem man zuletzt den Eindruck gewinnen konnte, er wäre zum Trampelpfad für Rechtspopulisten verkommen.

Genau dorthin aber will Frank-Walter Steinmeier die Gesellschaft bringen. „Die Sehnsucht nach Heimat – nach Sicherheit, nach Entschleunigung, nach Zusammenhalt und vor allen Dingen Anerkennung –, diese Sehnsucht dürfen wir nicht den Nationalisten überlassen.“ Heimat für alle also. Die Bedürfnisse vieler Menschen dürfte Steinmeier damit angesprochen haben. Für ihn ist Heimat prall gefüllt mit gutem Leben. Das richtige Ziel für einen großen Aufbruch.

Wo sonst als in ihrer Heimat kann Bürgerinnen und Bürgern das Gefühl der Entwurzelung genommen werden? Dieses Gefühl, von dem sich Rechtspopulisten ernähren. Wenn die erst den Deutungsanspruch über Heimat verlieren, gehen ihnen die Wählerstimmen gleich mit aus, das wäre das Kalkül. Heimat als von Nationalisten befreite Zone.

Wie viele sich von einem solchen Ziel mitziehen lassen, hängt erst einmal am Begriff selbst. Es braucht intensive Verständigung, ja sogar Streit, um Heimat als Leitbild in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Lohnt das? Es gibt schließlich Begriffe, nach denen man sich nicht mehr bücken muss. Die Leitkultur etwa kann man getrost liegen lassen. Sie ist kontaminiert und die Halbwertszeit des an ihr klebenden Gemischs aus Hierarchie, Ordnung und Unterordnung einfach zu hoch. Da hilft auch keine noch so engagierte gesellschaftliche Debatte. Leitkultur ist durch.

Warum sollte das mit der Heimat anders sein?

Mehr als Herkunft. Und mehr als Zuhause

Vielleicht, weil für die Heimat ein Zeitfenster aufgegangen ist, ein ziemlich breites sogar. Heimat zeigte etwa nach der Bundestagswahl seine neue Ausstrahlung: Die Grünen-Vorsitzende Katrin Göring-Eckardt nahm Heimat gerade in ihrer Parteitagsrede in persönliche Obhut: „Wir lieben dieses Land, das ist unsere Heimat, und diese Heimat spaltet man nicht.“ Der grüne Landwirtschaftsminister Robert Habeck aus Schleswig-Holstein gab dazu den Auftrag aus: „Politik muss auch eine Idee formulieren. Eine Heimatidee. Eine Identitätsidee.“ Aus der Parteilinken und der Grünen Jugend kam prompt Ablehnung: Heimat grenze doch aus. Solidarität statt Heimat.

Es ist keineswegs verwegen, Heimat mehrheitsfähig zu nennen. Insofern passt sie schon mal zu unserer Demokratie. Heimat ist ein schön überschaubarer Begriff, kleiner und leichter als Nation, Volk, Vaterland. Ein handliches Gefäß. Verstehen und verstanden werden, das ist für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ihr Wesensmerkmal. Also mehr als die Herkunft. Und mehr als das Zuhause.

Heimat ist, was in einem und um einen herum ist, das Prägende, emotional aufgeladen mit persönlicher Verbundenheit. Und wenn man etwas verbunden ist, dann lebt und leidet man mit, man setzt sich bestenfalls ein, es besser zu machen. Man gibt einen Teil von sich.

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