Politik : Wiedersehen mit vertauschten Rollen

NAME

Von Klaus Bachmann, Den Haag,

und Stephan Israel, Belgrad

Bei seinem letzten Treffen mit Slobodan Milosevic stand Ibrahim Rugova noch unter Hausarrest. Ihr Wiedersehen in Den Haag stand am Freitag unter umgekehrten Vorzeichen: Nun ist es Milosevic, der in Haft ist und sich die Aussagen von Rugova anhören muss. Der Albanerführer, der heute Präsident des Kosovo ist, sagte vor dem Haager UN-Kriegsverbrechertribunal gegen den früheren jugoslawischen Staatschef aus.

Das Treffen vor drei Jahren hatte Milosevic noch für einen brillanten Propagandacoup genutzt. Auf dem Höhepunkt der Nato-Luftangriffe auf Jugoslawien ließ der damals noch allmächtige Autokrat den Albanerführer Ibrahim Rugova zum Treffen nach Belgrad bringen. Das Staatsfernsehen zeigte den schmächtigen Mann, das Gesicht zum nervösen Lächeln verzogen, im scheinbar freundlichen Gespräch mit dem jugoslawischen Präsidenten. Die Kameras waren auch dabei, als die beiden Männer ein Abkommen mit surrealistischem Inhalt unterzeichneten. Während serbische Einheiten Hunderttausende Albaner in die Flucht trieben und die Nato Bomben abwarf, sollten die Bilder vom Belgrader Treffen den Eindruck von Harmonie zwischen den beiden Kontrahenten vermitteln.

Während des Verhörs durch die Anklagevertreter am Freitag war es Rugova sichtlich peinlich, detailliert darüber zu berichten, wie er von der damaligen jugoslawischen Führung zu Propagandazwecken missbraucht worden war. Er habe die damalige Erklärung mit Milosevic in Belgrad nie unterschrieben, beteuerte er vor Gericht. Was in den Medien damals verbreitet worden sei, sei eine Pressemitteilung ohne Unterschrift gewesen.

Doch die vertriebenen Kosovo-Albaner hatten in den Flüchtlingslagern die Berichte über das Treffen mit einer Mischung aus Entsetzen und Enttäuschung verfolgt. Ihr Idol, so glaubten viele, habe sie in der Stunde der Not im Stich gelassen. Und draußen in der Welt gaben die Bilder vom zivilisierten Gespräch den Kritikern der Nato-Luftangriffe Auftrieb. Der introvertierte Rugova unternahm später wenig, um Licht auf die Umstände des Treffens zu werfen. Klar ist inzwischen, dass der Albanerführer damals in Pristina unter Hausarrest der serbischen Polizei stand. Rugova gab zu verstehen, dass er keine andere Wahl gehabt habe, als sich nach Belgrad zum Treffen mit Milosevic fahren zu lassen. Er schien zu glauben, dass im Fall einer Weigerung nicht nur sein Leben, sondern auch dasjenige seiner Familie auf dem Spiel gestanden hätte.

Nach dem Propagandacoup hatte Milosevic jedenfalls für Rugova keine Verwendung mehr und ließ ihn ins römische Exil ausreisen. Das Idol der Kosovo-Albaner wurde von Beobachtern, wenn auch voreilig, für politisch tot erklärt. Milosevic hatte seinen Gegenspieler in den Augen von dessen Anhängern zum Verräter gestempelt. Rugova hat sich zwar bei einem Teil der Kosovo-Albaner nach seiner Rückkehr wieder rehabilitieren können. Die ehemaligen „Befreiungskämpfer“ und ihre Sympathisanten sehen in ihm aber noch immer einen Kollaborateur, der sich während der Ära des passiven Widerstandes mit dem Belgrader Regime arrangiert habe. Für den Albanerführer stand in Den Haag einiges auf dem Spiel: Sollte er mit seinen Aussagen zur Verurteilung des angeklagten Kriegsverbrechers beitragen, könnte er bei seinen Gegnern verlorene Sympathien zurückgewinnen.

Juristisch bedeutsam war Rugovas Aussage in Den Haag vor allem in einem Punkt. Auf mehrfache Nachfragen von Ankläger Geoffrey Nice sagte Rugova aus, Milosevic sei von ihm während des erzwungenen Treffens in Belgrad über massive Übergriffe der serbischen Sicherheitskräfte gegen die Zivilbevölkerung im Kosovo, Massenvertreibungen aus der Region und politisch motivierte Morde unterrichtet und gebeten worden, einzugreifen. Milosevic habe der internationalen Gemeinschaft die Schuld daran gegeben und die Nato-Angriffe für die Opfer im Kosovo verantwortlich gemacht. Rugova warf Milosevic vor, die albanische Bevölkerung in der südserbischen Provinz unterdrückt und einen Krieg herbeigeführt zu haben. Milosevic habe den Druck gegen die Albaner immer weiter erhöht.

MEINUNGSSEITE

0 Kommentare

Neuester Kommentar