Wikileaks : Enthüllte Feindschaft

Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg hat sein umstrittenes Buch über die Enthüllungsplattform und deren Gründer Julian Assange vorgestellt. Was wirft er seinem einstigen Mitstreiter vor?

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Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg. Foto: dapd
Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg.Foto: dapd

Den Mächtigen auf die Finger schauen, geheimes Wissen verbreiten, Transparenz in der Welt schaffen. Mit edlen Zielen startete der Enthüllungsdienst Wikileaks im Jahr 2006. Doch davon ist heute nicht mehr viel übrig – glaubt man dem ehemaligen Sprecher der Internet-Plattform, Daniel Domscheit-Berg. Der 32-Jährige warf im September 2010 bei Wikileaks hin, aus moralischen Gründen, wie er sagt. Fünf Monate sind seitdem vergangen – am heutigen Freitag kommt sein Buch „Inside Wikileaks“ auf den deutschen Markt.

Darin rechnet der Informatiker vor allem mit Wikileaks-Gründer Julian Assange ab. Assange, das Phantom aus Australien, der Mann mit den schlohweißen Haaren und dem bleichen Gesicht. „Ich habe noch nie so eine krasse Persönlichkeit erlebt wie Julian Assange“, schreibt Domscheit-Berg in seinem Buch. „So freigeistig. So energetisch. So genial. So paranoid. So machtversessen. Größenwahnsinnig.“

Der Größenwahn habe dann auch zum Rückzug des Deutschen aus dem Projekt geführt. Assange habe alles allein entschieden, sagte Domscheit-Berg auf einer Pressekonferenz am Donnerstag in Berlin. Damit habe Wikileaks „nicht mehr die Ziele verfolgt, die wir gehabt hatten“. Denn an Transparenz, die Assange stets von Entscheidern in Politik und Wirtschaft auf der ganzen Welt gefordert habe, habe es vor allem der Enthüllungsplattform selbst gemangelt.

Die diplomatischen Depeschen des US-Außenministeriums, der letzte große Coup von Wikileaks im November 2010, wurden teilweise ohne Schwärzung von Quellen an die Medien weitergegeben. Die Informanten seien laut Domscheit-Berg in einigen Fällen überhaupt nicht mehr geschützt worden.

Wikileaks und Julian Assange
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Auch die Personalien hinter dem Projekt sind für Domscheit-Berg intransparent: „Zeitweise bestand Wikileaks nur aus einem Server und zwei Vollzeitkräften“, sagte er – ihm selbst und Assange. Der Öffentlichkeit sei aber suggeriert worden, dass viel mehr Leute dahinterstecken. Die beiden Männer traten unter mehreren Tarnnamen auf, spielten unter Pseudonymen ihre eigenen Anwälte. Irgendwann habe Domscheit-Berg ein Problem mit der Illusion bekommen und die Öffentlichkeit nicht mehr belügen wollen. „Die Menschen haben ein Recht zu erfahren, was hinter den Kulissen geschehen ist“, schreibt der Autor in seinem Vorwort. Mit dem Buch will er das Kapitel Wikileaks endgültig abschließen.

Doch abgeschlossen ist noch lange nichts: Am Sonntag bekam Domscheit-Berg Post von Assanges Anwalt Johannes Eisenberg. Darin wurde er beschuldigt, „Materialien und Datenbestände“ von Wikileaks entwendet zu haben. Außerdem werde Anwalt Eisenberg im Auftrag seines Mandanten gegen die „über Herrn Assange verbreiteten Verleumdungen“ vorgehen. Und Wikileaks selbst kündigte am Donnerstag eine Klage gegen ihren Ex-Mitarbeiter an. Sprecher Kristinn Hrafnsson begründete dies in einer E-Mail an die Nachrichtenagentur AFP damit, dass Domscheit-Berg in seinem Buch zugebe, das System der Internetseite sabotiert und Dokumente gestohlen zu haben. Außerdem habe der 32-Jährige keine tragende Rolle bei Wikileaks gehabt. Seine Aufgaben seien zunehmend eingeschränkt worden, „als Zweifel an seiner Integrität und Stabilität aufkamen“, erklärte er.

In Berlin wehrte sich der Buchautor: Drei Wochen lang habe er nach seinem Rückzug im September versucht, die etwa 3500 unveröffentlichten Dokumente an Assange zu übergeben. „Weil das nicht geklappt hat, habe ich mich entschlossen, das Material zwischenzulagern“, sagte Domscheit-Berg. Mitgenommen habe er auch einige wichtige Systemkomponenten der Software. Dadurch sei Wikileaks zurzeit nicht arbeitsfähig – es gebe nicht die Möglichkeit, neue Dokumente oder Materialien einzusenden.

Assange und Domscheit-Berg verbindet ein skurriles Verhältnis. Drei Jahre waren sie engste Weggefährten, so etwas wie Freunde, nun sind sie Kontrahenten. „Manchmal hasse ich ihn, so sehr, dass ich Angst habe, ich könnte körperliche Gewalt ausüben, sollte er mir noch einmal über den Weg laufen. Dann denke ich wieder, dass er meine Hilfe bräuchte“, schreibt Domscheit- Berg.

Blogger und Netzaktivisten sind verwundert über den Konflikt zwischen Assange und seinem ehemaligen Mitstreiter: „Wir stehen gerade am Anfang einer umfangreichen Schlammschlacht“, schreibt Frank Rieger vom Chaos Computer Club in einem Blog-Beitrag.

Ist das nun das Ende der Enthüllungsplattform? Nein, denn zufälligerweise arbeitet eine Handvoll Menschen gerade an einer Alternative: Openleaks. Die Seite ist seit einigen Wochen online, soll ein Dienstleister für Enthüllungen sein und nur die technische Komponente bereitstellen. Die Initiatoren wollen dort aus den Fehlern von Wikileaks lernen. Gründer ist: Daniel Domscheit-Berg.

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